Archiv für den Monat Januar 2006

1984 in der Kneipe

Wir sitzen in der Kneipe und trinken Bier. Über uns der Lautsprecher. Radio SAW dudelt, informiert uns aller 30 Minuten über Tote und Verletzte und den letzten Furz eines wichtigen Menschen, dazwischen hyperaktive gute Laune. Damals in Orwells 1984 war das auch so. Überall hingen Zwangs-Fernseher, die man nicht ausschalten konnte. Man musste raus in den Wald fahren, um dem „System“ für ein paar Stunden zu entkommen.
Heute ist es eigentlich schlimmer. Die Lautsprecher wurden zumindest in der Kneipe freiwillig aufgehängt. Aber auch die Zwangsagitation im Supermarkt wurde nicht von einem totalitären Staat angeordnet. Olle Focault lässt grüßen. Wir lassen uns rund um die Uhr (oft sogar freiwillig) vom Mediensäuseln berieseln, auf dass sich in uns die Herrschaftsverhältnisse reproduzieren ganz ohne Zuchthaus und Pranger.

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Du bist Deutschland

Meinen Mitdeutschen hat die Kampagne gefallen, behauptet zumindest Holger Jung ein Macher der Kampagne im Interview mit der taz:

Frage: Wie steht’s denn mit der Akzeptanz?
Antwort: Die ist in der breiten Bevölkerung wirklich gut: 51 Prozent der Bundesbürger kennen die Kampagne. Und 47 Prozent der Menschen, die sie kennen, bewerten sie positiv. 41 Prozent sagen zudem, die Kampagne spreche ein für sie persönlich wichtiges Thema an. Das sind sehr, sehr gute Werte.

Baudrillard und die Matrix

Die Wikipedia behauptet, eine der Kernaussagen des Requiem für die Medien von Baudrillard sei:

Es ist unmöglich, die Medien zu demokratisieren, zu infiltrieren oder Einfluss auf sie zu gewinnen; die einzige mögliche Veränderung sei das Wiederherstellen der Antwortmöglichkeit im Kommunikationsprozess, was Baudrillard als Revolution bezeichnet.

Nimmt man den Faible der Wachowskis für Baudrillard und die Gleichung Matrix = hyperrealistische Medienwelt. Dann wird klar, warum der dritte Teil „revolutions“ heißt, weil Neo mit den Maschinen, den Machern der Matrix, quatscht.

Kleine Schifflein suchen ihren Weg

Werner Ruhoff in seinem Buch „Eine sozialistische Fantasie ist geblieben„:

All die selbstverwalteten Projekte, die sich mit massiven Hindernissen konfrontiert sehen, sind mit selbstgebauten Schiffen vergleichbar, deren Besatzungen nach neuen Ufern Ausschau halten. Die Hemmschwelle, sich den AbenteurerInnen anzuschließen, ist trotz der zunehmenden Ungemütlichkeit zu Hause sehr hoch. Die Ungewissheit des Erfolgs ist noch zu groß. Das Leben würde in neue Bezüge eingebettet und mit neuen Anstrengungen verbunden sein, die sich nicht in Geld bezahlt machen. Die Wertvorstellungen von Lebensqualität müssten sich verändern und das Miteinander Vieler verlangt den Abschied von der erlernten Mentalität des privaten Konkurrenzverhaltens.