Bad Elster 5

Und wie steht es um den Ort selbst. Ach ein Paradies für den unbescholtenen Bürger. Zutritt frühestens ab 40. Vielleicht ausnahmsweise etwas früher mit Hodenkrebs. Und so schöne Blumenrabatten, Springbrunnen und Skulpturen, die wo man erkennen kann, was es sein soll. Aber auf keinen Fall besoffene Punker, die in die Ecken pissen, keine islamisch Vermummten, keine Bettler, keine Neger, keine plärrenden Kinder. Und alles so sauber hier – keine breit gelatschten Kaugummis und vor allem keine Spuckis, kein Graffiti (na gut hinten im Wald mal ein verschämtes ACAB auf ’ner Parkbank) Asyl vor der immer schlimmer werdenden Welt und endlich mal genügend öffentlich zugängliche Klos für den ausgeleierten Beckenboden.

Soll es das schon gewesen worden sein

Simone de Beauvoir leidet in ihren „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ als Kind schon unter Midlifecrisis:

Die Einförmigkeit der Existenz der Erwachsenen war mir immer schon bemitleidenswert erschienen; wenn ich mir klarmachte, dass sie in Kürze auch mein Los sein würde, wurde ich von Angst gepackt. Eines Nachmittags half ich Mama beim Geschirrspülen; sie wusch die Teller, ich trocknete ab; durchs Fenster sah ich … andere Küchen, in denen Frauen Kochtöpfe scheuerten oder Gemüse putzten. Jeden Tag Mittagessen, Abendessen, jeden Tag schmutziges Geschirr! … Ein Bild entstand in meinem Kopf … : eine Reihe von grauen Vierecken erstreckte sich, nur nach den Gesetzen der Perspektive verkleinert, bis zum Horizont, alle identisch, alle eben und platt: das waren die Tage, Wochen und Jahre.

Bad Elster 4

Vorm Essenraum, da liegt so ein erbauliches Buch zum Blättern und Sinnieren: Labyrinthe – Pilgerwege der Seele. Mein spontaner Favorit:

Wie lange werde ich noch unterwegs sein?
Wann werde ich die Mitteerreicht haben?
Woher nehme ich Kraft, Geduld & Ausdauer?
Ist der Weg jedes Opfer wert?
Wo ist die Grenze zwischen Selbstfindung und Egoismus?

Mir gefiel natürlich die Pointe der letzten Zeile.

Köhler zur Bundestagswahl

Da hier fast noch auf dem Klo ununterbrochen Dudelradio läuft, bleibe ich Orwell-1984-mäßig, wo an jeder Ecke ein Fernseher hing, auf dem laufenden. Da sagt also der Grüßonkel Köhler:

Wer nicht wähle, habe niemand der seine Anliegen im Parlament vertritt.

Wenn ich doch aber keinen sehe, der meine Anliegen im Parlament vertritt. Oder steht mir nur das Recht zu meine Anliegen in einer Weise behandelt zu wünschen, wie sie CDU, SPD, Linke, …. sehen. Der Wille von 60 Millionen Einzelwesen eingeschrumpft auf eine Hand voll Wahlprogramme.