Adorno und die Lehrer

Mir lief der Text „Tabus über dem Lehrberuf“ über den Weg. Natürlich allerlei Histörchen, warum keiner die Lehrer leiden kann: weil es ganz früher Sklaven, Schreiber, abgewrackte Berufssoldaten waren. Und das systematische Problem des „Die Schule sorgt für das Kind.“ – macht den Lehrer automatisch zum Prügelknaben jedes Heranwachsenden, der noch einen Rest von Leben in sich hat.

Aber lustigerweise von Herrn Adorno höchstpersönlich Hinweise, was zu ändern wäre. Wenn es um Schule geht, gibt wirklich jeder seinen Senf dazu:

… helfen könnte, wem ich das andeuten darf, nur eine veränderte Verhaltensweise der Lehrer. Sie dürften ihre Affekte nicht unterdrücken und dann rationalisiert doch herauslassen, sondern müssten die Affekte sich selbst und anderen zugestehen und dadurch die Schüler entwaffnen. Wahrscheinlich ist ein Lehrer überzeugender, der sagt: »Jawohl, ich bin ungerecht, ich bin genauso ein Mensch wie ihr, manches gefällt mir und manches nicht«, als einer, der ideologisch streng auf Gerechtigkeit hält, dann aber unvermeidlich verdrückte Ungerechtigkeit begeht. Aus solchen Reflexionen folgt, nebenbei gesagt, unmittelbar die Notwendigkeit psychoanalytischer Schulung und Selbstbesinnung im Beruf der Lehrer.

Ist aber trotzdem ganz brauchbar. Das letztere heißt heute Supervision – kriegen Lehrer erst, wen es zu spät ist. Das erstere passt eigentlich zu dem was für Reformpädagogen selbverständlich ist.

Adorno zum Wochenende

Wolfram Tschiche und Frieder Burkhardt erklären mir Adorno im Hotel Eigen. Anderthalb Tage die tiefdurchgeistigsten Sprüche:

  • Das denkende Subjekt kann Widerstand leisten.
  • Wer denkt, ist nicht wütend.
  • Die Arbeiter haben sich in erbärmlichem Wohlbehagen eingerichtet. (das allerdings von Marcuse)

Und natürlich die Kulturindustrie einer der drei großen Feinde von Adorno:

Es wird gesorgt. Formale Freiheit eines jeden ist garantiert. Eingeschlossensein in einem System von Beziehungen (Apparat) … Planmäßig wird nur das Leben des Getreuen reproduziert. Schwerste Schuld: Outsider… Der Arme wird automatisch verdächtigt… Die Kulturindustrie reflektiert die positive und negative Fürsorge für die Verwalteten als die unmittelbare Solidarität der Menschen in der Welt der Tüchtigen. Das von der Gesellschaft geschaffene Leiden wird durch das Pathos der Gefasstheit gerechtfertigt: So ist das Leben, so hart, aber darum auch so wundervoll.

Und ich als Lehrerlein mittendrin.

Geheimkunst

Martin Büsser schreibt in konkret 9/08 über die Ausstellung „Die Totale Aufklärung – Moskauer Konzeptkunst“. So Leute im Realexistierenden, die im offiziellen Kunstbetrieb nicht mitmachen wollten, machten so kleine subversive Sachen, die so subversiv waren, das sie keiner mitbekam:

Die Moskauer Konzeptualisten mußten sich nicht gegen den Markt auflehnen, da es keinen gah. Ihre Hinwendung zu Text und Schrift und ihre Auffassung von Kunst als direkter Kommunikation hatte ganz andere Gründe: Es ging ihnen darum, Zeichensysteme zu schaffen, die mit den öffentlichen Zeichen und Sprachen korrespondierten und bisweilen nur so wenig davon abwichen, daß bloß Insider diese Abweichung erkennen konnten. Ziel war eine Parallelgesellschaft, in der die offiziellen Verhaltens regeln unbemerkt parodiert werden konnten. »Ich beschwere mich über nichts, und fast gefällt es mir hier, wenn ich auch nie zuvor hiergewesen bin und über diesen Ort nichts weiß«, heißt es auf einem optisch der offiziellen Propaganda nachgestalteten Banner, das die Gruppe Kollektive Aktionen 1977 mitten im Wald aufhängte.

Erinnert mich trotzdem an die Streetart-Leute von heute. Eigenartige Symbole an Häuserwänden. Für die Macher ist es Fun, Kunst, Mutprobe, Subkultur. Für die wohlmeinenden intellektuellen Beobachter subversive Eroberung des öffentlichen Raums. Für die Omi von nebenan ist es schade, dass die schön gestrichene Wand schon wieder beschmiert ist.

Die Frankfurter Schule und ich

Roger Behrens in seinem Heftchen zur Kritischen Theorie über das Programm der Frankfurter Schule vor dem 2. Weltkrieg:

Trotz der Arbeiterbewegung und ihrer gelegentlichen politischen Erfolge zeichnete sich ab, dass eine gelingende Umgestaltung der Gesellschaft nicht zu erwarten war. Soziologische Erhebungen zeigten, dass auch kommunistisch eingestellte Arbeiter autoritäre und konformistische Einstellungen hatten. Gerade sie glaubten sich ohnmächtig gegenüber ihren Lebensumständen. Es gab offenbar einen »Kitt«, der die Menschen immer wieder in ihrer sozialen Stellung bestätigte, und sei sie auch noch so trostlos.

Da haben Horkheimer & Co. mich schon vor 80 Jahren durchschaut.