Grottenolm oder Lungenfisch

Es ist üblich momentan von der (R)Evolution zu schwärmen, gedeihlichen schwarmintelligenten Veränderungen. Und wir Wuselaktiven und Vernetzten sind natürlich sicher, dass wir den richtigen Riecher haben und Trendsetter für einen tiefgreifenden Wandel sind. Vielleicht sind wir wie die Lungenfische, Pioniere auf dem Weg vom Wasser- zum Landleben. Vielleicht besiedeln wir aber auch nur eine ökologische Nische wie der Grottenolm.

Kollektive Identitäten

Sebastian Haunns referiert bei que(e)r_einsteigen:

Warum handeln Menschen gemeinsam. Die üblichen Theorien sagen:

  • gleiche Umstände → collective Behaviour
  • gleiche Interessen → Marxismus
  • Nützlichkeitserwägungen → rational choice

Alle diese Theorien lassen sich empirisch nicht belegen. Und doch ist das gemeinsame Handeln von Menschen die Regel, obwohl die Gruppen oft sehr inhomogen sind. Sebastian Haunss untersucht dann kollektive Identitäten sozialer Bewegungen (z.B. Anti-AKW-Bewegung, Schwule oder Autonome) Er macht drei Punkte ausfindig:

  • Diskursivität: gemeinsame kognitive Bestimmung der Ziele & Mittel des Handelns
  • Emotionalität: aktives Netzwerk von Beziehungen/emotionale Involvierung der Beteiligten
  • gemeinsames Handeln

Auf dieser Basis können kollektive Identitäten entstehen, die nicht auf die Abwertung anderer angewiesen sind. Und mir fällt auf: In der Gemeinschaftsgründung, in der ich gerade wieder stecke, mangelt es nicht an Diskursivität und Emotionalität – fehlt nur noch gemeinsames Handeln.

Mitschrift

Kulturvolle Hirsche

Durchs Netz geistert die Geschichte von Hirschen, die 25 Jahre nach der Grenzöffnung immer noch nur bis zu der Stelle gehen, wo früher der Stacheldraht war.

Bertrand Russell stellt in „Moral und Politik“ fest:

In allen menschlichen Gemeinwesen, die wir kennen, selbst in den primitivsten, gibt es moralische Überzeugungen und Gefühle. Manche Handlungen werden gepriesen, andere getadelt, manche belohnt, andere bestraft. Gewisse Handlungen Einzelner gelten als gedeihlich, nicht nur für Einzelne, sondern für die Allgemeinheit; andere werden als verderblich betracht«. Die Anschauungen, die darin zum Ausdruck kommen, sind zum Teil rational vertretbar, in primitiven Gemeinwesen aber überwiegen die rein abergläubischen Vorstellungen, die häufig sogar solche Verbote inspirieren, die sich, wie sich später herausstellt, vernünftig begründen lassen.

Passt irgendwie zusammen. Schon bei den Hirschen gibt es Tabus.

Gewerkschaften und Gemeinschaften

Es gibt aus den 50ern ein Büchlein von Frank Tannenbaum: Eine Philosophie der Arbeit. Darin heißt es:

Die Trennung von Leben und Arbeit, die als Ursache vieler unserer Schwierigkeiten angesehen werden kann, wird vom Liberalismus widerspruchslos hingenommen. Das erklärt wohl auch, warum es nicht gelungen ist, eine unsere Zeit befriedigende Theorie zu entwickeln. Man glaubt, daß die gute Gesellschaft auf ökonomischen Motiven begründet werden kann. Diesen Gedanken haben der freie Wettbewerb der Ökonomisten wie auch die klassenlose Gesellschaft der Kommunisten gemeinsam. … Doch ist gerade das Grundübel unserer industrialisierten Gesellschaft, daß für sie Geld und Lebensziel identisch geworden sind.
Wenn Geldbesitz das Endziel aller unserer Anstrengungen ist, dann bedeutet Geldmangel vollkommenes Versagen, denn ohne Geld ist nichts zu haben, nicht einmal der nackte Lebensunterhalt. Das ethische Ungenügen des Industrialismus liegt darin, daß er „einen guten Lohn“ an die Stelle eines guten Lebens gesetzt hat.

Die Gewerkschaft versucht, diese Lücke zwischen dem guten Leben und der Arbeit für Geld zu überbrücken, die bei der Zerstörung der einstigen innerlich zusammenhängenden Gesellschaft entstand, wodurch der Mensch zu einem isolierten Individuum wurde, das als „Arbeitskraft“ gemietet und in bar bezahlt wird. Ihr Interesse an den detaillierten Beziehungen zwischen Arbeiter und Arbeitgeber hat die Gewerkschaft davor bewahrt, sich irgendeiner allgemeinen Formel zu verschreiben und hat Anlaß dazu gegeben, daß die Ökonomisten, Liberalen und orthodoxen Marxisten eine echte Bedeutung der Gewerkschaften ableugnen. Ökonomisten und Liberale sahen die Gewerkschaften als eine Bedrohung ihrer Wettbewerbsharmonie an; die Kommunisten glaubten andererseits, daß sie sich die Kontrolle über die Gewerkschaften sichern müßten, damit diese sich nicht als Hindernis auf dem Wege zur Revolution erweisen könnten, die alle Ursachen des Bösen beseitigen und damit den Himmel auf Erden schaffen soll.

Wenn ich meine, mich nach Gemeinschaft zu sehnen, dann geht es mir bestimmt auch um diese Aufhebung der Trennung von Arbeit und Leben, das, was bei Marx Entfremdung heißt. Und Kommuneexperimente egal ob Urchristen, Monte Verita, Jahnishausen, Niederkaufungen oder mein jeweiliges aktuelles Projekt – sie alle sind Kondensationskerne für etwas Neues, lokal wie Gewerkschaften oder eine Neuerung in der (R)Evolution. Keine Aussicht auf den Stein der Weisen, die allgemeingültige Lösung, den Königsweg.

Freundlich-melancholische Weisheit: Was mich vom Wurm unterscheidet – da gibt es immer mal Mutationen, dann wachsen dem Wurm Gliedmaßen, daraus werden später Flügel oder Hände. Das Leben prüft, ob die Mutation was taugt. Mit meinem Bewusstsein und meiner Fähigkeit zu planen kann ich mir Mutationen der gesellschaftlichen Kooperation ausdenken und lokal in die Tat umsetzen. Das Leben prüft, ob die Mutation was taugt und überlebt.

Das Geheimnis der Bäume

Wieder so ein Dokumentarfilm über den Wald:

  • Wenn die Bäume angefressen werden, „verständigen“ sie sich und werden ungenießbar.
  • Wenn es zu trocken wird, steigen Kondensationskerne auf und fördern die Wolkenbildung
  • Unter den großen alten Bäumen ist nicht viel los – erst wenn sie sterben und umfallen, gibt es Licht und Platz für Neues.

Die Kameradrohne schwebt durch die komplexen Strukturen des Waldes, der mich auch in Deutschland oft tief bewegt. Eins greift ins andere. Der Autor spricht viel von Kampf, die Ameisen schmeißen Raupen von ihrem Baum, die Würgfeige erwürgt ihren Wirt. Die Symbiose aus Pilzen und Bäumen. Das Zusammenspiel verschiedener Arten bei Befruchtung und Samenverbreitung. Na ja, jedenfalls passt alles zusammen – in dieser Welt, in der möglicherweise nichts da ist, was reflektiert. In der es kein „Sollen“ gibt, kein „gut“ oder „böse“.

Und unsere Gesellschaft ist sie nicht genauso komplex. Die Städte hochfragile Gebilde in einem labilen Gleichgewicht aus gegenseitigen Abhängigkeiten. Nur dass da so Menschen rumlaufen, die Moral und Ethik erfunden haben, die aus ihrem Schmerz und ihrer Freude schließen, wie es „sein soll“ oder eben nicht. Und dann rotten sie sich in Klumpen zusammen, die sich um ein bestimmtes „Sollen“ scharen. Irgendjemand soll es immer gut gehen, der Horde, dem König, der Nation, der Familie, allen und neuerdings den Tieren oder der gesamten Schöpfung.

Ob das wohl der Hauptunterschied zwischen Wald und Stadt ist: In der Stadt laufen die Menschen rum, mit ihrem „sollen“ in Herz und Kopf – und mit diesem „Sollen“ nehmen sie der Evolution das Zepter aus der Hand, indem sie neuerdings selbst die Richtung vorgeben können.