Weltretten 7.0

Meine neueste Wuselaktivität heißt TransitionTown.

Schwer zu sagen, was TransitionTown sein soll. Keine Partei, die Veränderung an den politisch-demokratischen Prozess delegiert, keine Bewegung wie attac oder greenpeace, die sich auf spezielle globale Probleme stürzen. Eher so gandhimäßig: “Sei selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.” Aber eben nicht durch Meditation sondern konkrete lokale Aktion.

Erstmal genieße ich es auf einen Haufen Leute zu stoßen, die ähnlich ticken wie ich. Und zwar ohne dass ich zu komischen exotischen Kongressen in die weite Welt fahren muss, ohne Kommunetourismus. Leute die nicht erstarrt sind zwischen Arbeit und Eigenheim, die aber auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen haben und mit fertigen Antworten um sich werfen. Great Transition eben.

Der Traumhändler

Mein Geburtstagsbuch fängt gut an:

Ohne Träume haben uns die Ungeheuer in der Hand, die uns im Innern oder in der Außenwelt auflauern. Das Träumen aber befreit uns vom Gespenst, das uns einflüstert, wir hätten uns mit allem abzufinden.

Ich nahm das Statement mild-weise lächelnd auf. Doch dann ging es weiter:

Wenn eure Träume nur Wünsche sind statt Projekte und Pläne, dann werdet ihr sie sicherlich mit ins Grab nehmen. Träume ohne Pläne produzieren frustrierte Menschen, die sich den gesellschaftlichen Normen unterwerfen.

Peng. Immer aufs Schlimme des Midlifegreises.

Jutta Ditfurth

kollert in ihrer kleinen Flugschrift „Worum es geht„:

Es herrscht Krieg…  Dieser Krieg heißt Kapitalismus. Er herrscht weltweit. Er ist die Krise unseres Lebens. …

In Hunderten von Jahren und in ungezählten blutigen Kämpfen ist die heute herrschende kapitalistische Ordnung so erfolgreich durchgesetzt worden, dass sie den meisten Menschen als natürliche Ordnung erscheint. Der brutal hergestellte, aber »stumme Zwang der Verhältnisse« (Marx) täuscht die Menschen. Sie nehmen ihr Ausgebeutetwerden nicht wahr. Sie glauben, sie arbeiteten für sich, weil sie auch konsumieren, ein bisschen Freizeit haben und Überschüsse für »Luxus« wie Urlaub oder ein Auto  anhäufen dürfen…

Es geht im Kapitalismus darum, Geld in mehr Geld zu verwandeln. Produkte sind nichts als Mittel zum Zweck. Es geht auf dem kapitalistischen Markt nicht um den rationalen Tausch von Gebrauchsgütern, sondern um die Rückverwandlung von Waren in mehr Geld. Zweck der Sache ist die Realisierung des von den ausgebeuteten Arbeitern in abhängiger Lohnarbeit geschaffenen Mehrwerts zur Maximierung des Profits des Kapitalisten.

Um noch mehr dieser Produkte, dieser Mittel zum Zweck, verkaufen zu können, müssen Bedürfnisse geweckt werden. Ihre Befriedigung ist nicht der Sinn der ganzen Sache, sondern auch nur ein Abfallprodukt kapitalistischer Produktion. Das Kapital bezahlt Werbeagenturen, damit sie den Menschen Bedürfnisse einreden. Fettere Autos, mehr Kleidung, Kosmetik, die jung hält. Den größten Erfolg aber hat das Kapital, wenn es ihm gelingt, die Träume des Menschen zu okkupieren, die Bilder des Menschen von sich selbst. Wenn es ihm gelingt, die Sehnsucht nach Freiheit, nach einem angstfreien, selbstbestimmten Leben, durch den Wunsch nach Ersatzwelten zu unterlaufen, nach käuflichen Ersatzwelten aus Konsumgütern und Dienstleistungen, für die leider hingenommen werden muss, dass die Natur geplündert wird und Menschen sich totschuften.

Ach das brennt, aber es muss immer mal sein, bei all der Arbeit an sich selbst auf dem Sitzkissen und dem Warten auf Great Transition.

Was ist der Mensch?

Mir fällt die Geschichte von den 5 blinden Weisen ein, die herausfinden sollen, was ein Elefant ist. Der erste befühlt das Ohr, der zweite den Bauch, der dritte den Rüssel, ….

Wenn wir Menschen die untersuchten Elefanten wären, dann ergäbe sich folgende Situation:

  1. Die Weisen beschreiben den Menschen in ihrer Theorie: anatomisch, soziologisch, marxistisch, christlich, … Einige der Weisen, wissen auch, dass sie blind sind und unterhalten sich mit ihren Kollegen. Aber wer sagt, dass wir alle Aspekte des Menschen schon untersuchen. Wenn den Elefant nur zwei Weise untersucht hätten, einer am Schwanz und einer am Rüssel – dann wäre ein völlig falsches Bild entstanden.
  2. Die Untersuchungen beeinflussen das Untersuchungsobjekt: Wenn der Rüssel genau untersucht wird, dann ziehen die Forscher da immer mal dran und der Rüssel wird immer länger.
  3. Und wir sind Elefanten, die sich auch selbst erforschen. Meist nutzen wir dazu Methoden, die die Weisen empfehlen. Manche von uns glauben auch einfach einem oder mehreren der Weisen. Deshalb legen manche von uns großen Wert auf ihren Rüssel, andere auf ihre Ohren.

Lange Rede kurzer Sinn: Das aperspektivische Denken muss her.

Wir Entwurzelten

Wir bluten an den Wurzeln, weil wir abgeschnitten sind von der Erde, der Sonne und den Sternen, und Liebe ist eine grinsende Verhöhnung ihrer selbst, denn – arme Blüte – wir rupfen sie ab vom Baum des Lebens und meinen, sie würde weiterblühen in unserer zivilisierten Vase auf dem Tisch.
Die letzten dreitausend Jahre der Menschheit waren ein Ausflug zu Idealen, zu Körperlosigkeit und Tragik, und jetzt ist der Ausflug vorbei. Wir können dies begreifen und die Gemeinsamkeit wieder finden, die Gemeinsamkeit von Körper, Sexualität und Gefühl mit der Erde, der Sonne und den Sternen.
D.H. Lawrence

Wenn ich noch ein wenig nachhegele und drauf poch, nicht einfach undialektisch in eine paradisische Vorzeit zurückzugehen, kann ich damit gut leben.

Zur Sozialpsychologie des Schlands

Die Psychologin Dagmar Schediwy zum Thema Der Neue deutsche Fußballpatriotismus aus sozialpsychologischer Perspektive:

Die Nation als Basis der Selbstdefinition hat den psychologischen Vorteil, dass die Zugehörigkeit zu ihr nicht verloren geht. Während eine Stelle gekündigt werden kann und ein Vermögen schwindet, bleibt die Zugehörigkeit zur Nation für die bereits Zugehörenden bestehen. Das macht in Krisenzeiten die Attraktivität des Nationalen aus. Dieses Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft haben meine Interviewpartner_innen auf den Fanmeilen selbst thematisiert. Je größer die Prekarisierung und je stärker der Konkurrenzdruck in den neoliberalen Verhältnissen, desto größer ist die Sehnsucht nach dem schichtenübergreifenden Gemeinschaftserlebnis, das die Fanmeilen und der Fußballnationalismus versprechen.

Oder so ähnlich in der SZ: Fußballtaumel und Fremdenfeindlichkeit