Piraten wollen die Demokratie verflüssigen

Die ak565 informiert über das System der „Liquid Democracy„:

Bei aller Apathie den etablierten Parteien gegenüber ist das Interesse, selbst an politischen Prozessen teilzunehmen, heute größer denn je. Das hat zum Einen mit der bereits angesprochenen Krise des politischen Systems zu tun, aber auch mit gesellschaftlichen Veränderungen. Im Berufsleben etwa werden immer mehr eigenständige Kommunikations- und Organisationskompetenzen verlangt. Öffentliches Kommunizieren und kollektives Gestalten, in welcher Form auch immer, ist für die gut-gebildete, junge Mittelschicht, die irgendwo zwischen Prekariat und erfolgreichem Kleinunternehmertum pendelt, tägliches Handeln. Die materielle Grundlage für diese Veränderungen war die Verbreitung der „neuen Medien“. Diese sind für die Generation, die nun politisch aktiv wurde, nicht mehr neu, sondern der Normalfall. Und von diesem Normalfall aus betrachtet ist das politische System geprägt von antiquierten, unglaubwürdigen und entmündigenden Organisationsformen. Die Welt der Generation Internet, wenn man dieses Label brauchen will, ist eine der flexiblen Organisationsformen und der kontinuierlichen, kommunikativen Pflege dieser Formen, sei es auf der privaten Ebene via Facebook, auf der professionellen via LinkedIn oder in sonstigen Foren, Netzwerken und Veranstaltungen, in denen der Kontext für das eigene Handeln hergestellt wird. Durch diese Kontinuität entsteht Involviertheit, Teilhabe und Identifikation.

Und das ist genau der Punkt. Selbst wenn Kapitalismus als Wirtschaftssystem nicht hinterfragt wird, ist die parlamentarische Demokratie, die mal ein toller Fortschritt gegenüber Königen war, ziemlich antiquiert. Dasselbe im Betrieb: Motivation, Kreativität und Selbständigkeit einfordern und im Krisenfall die gute alte Chefkeule schwingen.

Vorsicht Extremisten

Aus dem Hause Zeitbild, dessen Werke mir als Lehrer auf den Tisch flattern, gibt es das Heft „Demokratie stärken Linksextremismus verhindern“ Mir fiel sofort die Unterscheidung des Verfassungsschutzes zwischen Radikalismus und Extremismus ein. Davon ist in diesem Heft nichts zu spüren. Und es ist schlampig recherchiert:

  • Auf dem Titelblatt Banksys Blumenwerfer von der Mauer zwischen Israel und Palästina. ACAB, der Schlachtruf aller, die sich irgendwie mit den Bullen kloppen und „Stop Control“, d.h. Informationelle Selbstbestimmung = Linksextremismus. Oder vielleicht auch Graffiti=macht das Eigentum schmutzig=Extremismus. Vielleicht ist das aber auch nur ein Missverständnis und das Titelbild ist das erste Arbeitsblatt und die Schüler sollen in einer Tabelle den verschiedenen Extremismem die entsprechenden Graffitis zuordnen.
  • Und überhaupt: „Enteignet Eigentümer“ Steht doch im Grundgesetz, Artikel 15 & 16.
  • Dann noch linksextremistische Medien: UZ, Rote Fahne, Neues Deutschland, junge Welt und Jungle World. Also ehrlich, da fallen mir aber spannendere Sachen ein 🙂
  • Oder die Aufgabe: „Diskutiert in der Gruppe, ob es gerecht ist, dass ein Zehntel der Bevölkerung über 50% des Steueraufkommens leistet.“ – Diese Polemik passt prima zur Bildzeitung.

Protest erreicht Halle

Wenn in New York, einer Stadt mit 10.000.000 Einwohnern 10.000 auf der Straße rumhüpfen, dann sind in einer Stadt mit 230.000 Einwohnern die Proteste ebenso heftig, wenn da 230 auf dem Marktplatz rumstehen. Na gut die Zahl wurde nicht ganz erreicht, aber fast.

Verfall der Sitten und Moral

Da erklärt Bertrand Russell in „Moral und Politik“ wie einfach sich moralische Grundregeln herausbilden:

Wenn ich Kartoffeln brauche, kann ich mich nachts aufmachen und sie mir bei meinem Nachbarn ausgraben; er wiederum kann sich damit rächen, daß er mir die Früchte von meinen Apfelbäumen stiehlt. Beide müßten wir also allnächtlich jemand Wache stehen lassen, um uns gegen solche Übergriffe zu schützen. Das wäre lästig und unbequem, und schließlich würden wir es für das einfachste halten, daß jeder des anderen Eigentum respektierte – immer vorausgesetzt, daß keiner von uns beiden verhungert. Eine solche Ethik, mag sie auch in ihren Anfangsstadien durch Tabus oder religiöse Sanktionen gestützt worden sein, kann auch dann noch weiterleben, wenn diese ihre Bedeutung verloren haben; denn jedem bietet sie Vorteile, zumindest in der Intention.

Wie die Obst-, Wein– und Metalldiebe zeigen, klappt das System so einfach nicht mehr. Die herrschende Moral ist die Moral der Herrschenden. Oder wie Klaus Schwab meint:

„Nach der Selbstzerstörung des kommunistischen Systems laufen wir nun Gefahr, daß der Kapitalismus zwar sich nicht selbst zerstört, dafür aber die moralischen Grundlagen unserer menschlichen Existenz.“
Klaus Schwab (*1938), Gründer u. Präs. World Economic Forum, Genf