Folgen des Social Distancings

In der TAZ ein Gespräch mit Hartmut Rosa.

Was nach einer Woche noch hängengeblieben ist: Die Idee von der sozialen Interaktion, die wir als Menschen brauchen. Wenn ich mir vorstelle, dass Menschen noch gar nicht so lange sprechen können, dann wird klar, dass wir „Fühler“ haben, um in der Interaktion mit 20 oder 30 Leuten gleichzeitig klarzukommen. Fällt dieser simultane gleichzeitige Kontakt weg, ist das genauso dramatisch wie absolute Stille, Schwerelosigkeit oder Dunkelheit. In VorCoronaZeiten gab es da die Überlegungen zur „Berührungslosen Gesellschaft“ – SocialDistancing setzt noch einen drauf.

Vor diesem Hintergrund erscheint mir der (mein) exzessive(r) Konsum von sozialen Medien (DoomScrolling) als Ersatz für soziale Interaktion.

Und mir fallen die „Empathischen Halluzinationen“ ein, die ich vor 10 Jahren mal hatte. Nachdem ich dieses Textchen jetzt nochmal gelesen habe, fällt mir natürlich auf, dass das TAZ-Interview aus einer westlichen atomistischen Sichtweise heraus geschrieben wurde: Das Ganze besteht aus Teilen. Die Gesellschaft besteht aus Menschen. Wenn wir die andine Brille der indigenen Südamerikaner aufsetzen, dann besteht das Ganze, die Gesellschaft aus Beziehungen, deren Knoten die Dinge, die Menschen sind. Wenn es keine Beziehungen, Kontakte, Berührungen mehr gibt, gibt es keine Knoten, also auch keine Menschen mehr, was bleibt sind entmenschte Körper….

Verhandeln mit dem Staat

Letztens lief mir ein Textchen von Friedrich Engels über den Weg. Und genau im Sinne dieses Textes wurde ich sozialisiert. Ein Mantra des Staatsbürgerkundeunterrichts in der DDR lautete: „Der Staat ist das Machtinstrument der jeweils herrschenden Klass.“ Und wer nicht zur jeweils herrschenden Klasse gehört, soll nicht von Verhandlungen mit dem Staat träumen. Egal ob es um Schulschließungen, autofreie Innenstädte oder Wohnprojekte geht.

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Kritik und Praxis

Westdeutsche Linke

Alles, was sie jemals denken,
Und sie denken ja durchaus,
Speist sich aus dem trüben Brunnen
Der Kritik. Tagein, tagaus
Blickt ihr Auge auf den Mist,
Der dem Staate eigen ist.

Wer Kritik übt, glaubt im Herzen
An das bessre Argument,
Wirft dem Wolf vor, dass er Wolf ist,
Und dem Feuer, dass es brennt.
Merkste was? Kritik allein
Kann des Pudels Kern nicht sein.

Wies einst Hannibal der Krieger
Vor der Schlacht am Apennin
Seine Kämpfer auf die schlimme
Unmoral der Römer hin?
Nein. Er schwang den eleganten
Hintern auf den Elefanten.

Marco Tschirpke

Quelle: konkret 12/2020 S.45

Passt gut zu den Veranstaltungen der Marxistischen Gruppe (MG), die es kurz nach der Wende in Halle gab.

KlimaLockdown

CoronaLockdowns, weil nicht auf die naturwissenschaftlichen Panikmacher gehört wird. Weil es Corona nicht gibt, weil die Wirtschaft brummen muss, weil bis kurz vor 12 gewartet wird.

Ist das mit der #KlimaKatastrophe genauso? Gehen wir dann in 10 Jahren in den CO2-Lockdown?

Antisemitismus

Bei Corax denkt Dr. Sebastian Winter aus der Sicht psychoanalytischer Sozialpsychologie von Gemeinschafts- und Feindbildungsprozessen über Antisemitismus nach. Meine 2 Lieblingserkenntnisse:

  • Der „regressive Rebell„, der meint „Merkel muss weg“, ist davon überzeugt, dass gerade das falsche Personal regiert. Er findet Herrschaft OK, nur darf sie nicht von Linksgrünversifften oder Echsenmenschen unterwandert werden. Passt sehr gut zu persönlichen Erfahrungen mit Menschen, die ehrlichen Herzens von der Regierung enttäuscht sind. Wir kamen nicht so Recht auf einen Nenner, weil ich weder vom Kapitalismus noch dem Staat als Herrschaftsinstrument der Kapitalistenklasse sonderlich viel erwarte.
  • Der herrschende Diskurs vom Einzeltäter geht davon aus, dass Menschen mit Persönlichkeitsstörungen zu Faschisten, Antisemiten oder Terroristen werden. Sebastian Winter meint, es sei genau umgekehrt. Wer sich auf Antisemitismus einlässt, entwickelt im schlimmsten Fall Wahnvorstellungen und wird psychisch krank. (ab Minute 13)

Regressive Rebellen und autoritäre Innovatoren

Wer hätte das gedacht. Menschen, die „rechtspopulistische“ Positionen unterstützen, bilden keine homogene Masse. Soziologen fanden regeressive Rebellen und autorotäre Innovatoren.

Spannend fand ich die Aussage über den regressiven Rebellen: „Im Vergleich dazu ist die Anomievulnerabilität der regressiven Rebellen in der Arbeits- und Lebenswelt deutlich höher. Sie sind vermehrt im Dienstleistungssektor und in Berufen mit wenig Interaktion und Kooperation mit KollegInnen tätig (Heilpraktiker, Physiotherapeuten, Fitnesstrainer, Kraftwagenfahrer, Spediteur, Pförtner, Masseurin, Händler und Biolandwirt). Ihre Interaktionsbeziehungen sind in erster Linie auf die Kundschaft beschränkt. Sie erfahren, kurz gesagt, in ihrer beruflichen Praxis mehr Wettbewerb und kaum Solidarität.“

Nachtwey, Oliver & Heumann, Maurits. (2019). Regressive Rebellen und autoritäre Innovatoren: Typen des neuen Autoritarismus.