Zen & Wut

Ach liebe Filterblase. Was du mir so alles schickst.

Die ॐ-Fraktion schickt mir eine schöne meditierende Frau im Sonnenuntergang:

„Many people cannot allow themselves the time to sit and do nothing but breathe. They consider it to be uneconomical or a luxury. People say “time is money.” But time is much more than money. Time is life. The simple practice of sitting quietly on a regular basis can be profoundly healing. Stopping and sitting is a good way to focus on mindful breathing and nothing else.“ Thich Nhat Hanh

Und ich kann Thich Nhat Hanh folgen, finde gut, was er sagt. Bin auf demselben Weg.

Und die VolksverpetzerMaiLab-Fraktion schickt mir zornige Bildchen, die ich auch nicht schlecht finde.

Und Rumi raunt:

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.“

Angehörige unterschiedlicher Religionen können sich dort treffen, Junge und Alte, Männer und Frauen, CIS & Queer.

Aber FlachErdler und RundErdler. Die 2+2=4-Fraktion und die 2+2=22-Fraktion. Die Fraktion, die alles über Corona/Impfen/Chemtrails weiß und meine Peergroup, die evidenzbasierte Naturwissenschaftlerfraktion.

Ganz selten, in Zweiergesprächen, die der idealen Sprechsituation von Habermas nahe kamen, da konnte ich an die Tür dieses Ortes klopfen.

Wie kann ich klar dabei bleiben, dass 2+2=4. Ohne Hass. Ohne Verzweiflung.

Hitlers Erkenntnistheorie

Es lohnt sich im Original nachzulesen. In Hitlers „Mein Kampf“ findet sich das Kapitel „Volk und Rasse“ Es beginnt wie folgt:

Es gibt Wahrheiten, die so sehr auf der Straße liegen, daß sie gerade deshalb von der gewöhnlichen Welt nicht gesehen oder wenigstens nicht erkannt werden. Sie geht an solchen Binsenwahrheiten manchmal wie blind vorbei und ist auf das höchste erstaunt, wenn plötzlich jemand entdeckt, was doch alle wissen müßten. Es liegen die Eier des Kolumbus zu Hunderttausenden herum, nur die Kolumbusse sind eben seltener zu finden.
So wandern die Menschen ausnahmslos im Garten der Natur umher, bilden sich ein, fast alles zu kennen und zu wissen, und gehen doch mit wenigen Ausnahmen wie blind an einem der hervorstechendsten Grundsätze ihres Waltens vorbei: der inneren Abgeschlossenheit der Arten sämtlicher Lebewesen dieser Erde.
Schon die oberflächliche Betrachtung zeigt als nahezu ehernes Grundgesetz all der unzähligen Ausdrucksformen des Lebenswillens der Natur ihre in sich begrenzte Form der Fortpflanzung und Vermehrung. Jedes Tier paart sich nur mit einem Genossen der gleichen Art. Meise geht zu Meise, Fink zu Fink, der Storch zur Störchin, Feldmaus zu Feldmaus, Hausmaus zu Hausmaus, der Wolf zur Wölfin usw.
Nur außerordentliche Umstände vermögen dies zu ändern, in erster Linie der Zwang der Gefangenschaft sowie eine sonstige Unmöglichkeit der Paarung innerhalb der gleichen Art. Dann aber beginnt die Natur sich auch mit allen Mitteln dagegen zu stemmen, und ihr sichtbarster Protest besteht entweder in der Verweigerung der weiteren Zeugungsfähigkeit für die Bastarde, oder sie schränkt die Fruchtbarkeit der späteren Nachkommen ein; in den meisten Fällen aber raubt sie die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheit oder feindliche Angriffe.
Das ist nur zu natürlich.

In diesem Textstückchen steckt im Prinzip die ganze sehr einfach gestrickte Erkenntnistheorie von Faschisten, Verschwörungstheoretikern & Co:

Bevor überhaupt irgendetwas gesagt wird, kommt ein Vorspann: Ich habe eine Wahrheit erkannt, die die Masse nicht erkennen kann. Diese Wahrheit ist einleuchtend und natürlich, folgt dem gesunden Menschenverstand. (So ähnlich wie in der Bildzeitung, in der wichtige Beiträge mit der Wertung beginnen: Skandal, Schrecklich, …)

Und danach kommt Unsinn. Im Falle von Hitlers Text: Aus der Nichtkreuzbarkeit von unterschiedlichen Arten darauf zu schließen, dass Angehörige unterschiedlicher Menschengruppen keine gemeinsamen Nachkommen haben sollten.

Aber dadurch, dass am Anfang laut verkündet wird, dass jetzt eine Wahrheit kommt, die nur Auserwählte verstehen, wird so ein Belohnungsdingens aufgebaut. Wer mir folgt, ist klüger als der Rest. Wer mich kritisiert, gehört halt zur schlafschafenden Mehrheit.

Wie viel langweiliger ist dagegen Wissenschaft a lá Drosten: Wir haben die und die Studie gemacht. Prozente, Zahlen, Diagramme. Das könnte das und das bedeuten. Dazu bedarf es aber weiterer Studien.

David Bohm

2020 ist ein Film über David Bohm rausgekommen:

Was nervt:

  • Am Anfang und Ende tritt der Dalai Lama auf, der frauenfeindliche Geflüchtete, der Geflüchtete hasst. Ein Film der diesen Küchenphilosophen als Opener braucht, weckt bei mir kein Vertrauen.
  • Es wird auf allerlei quantenphysikalische Theorien eingegangen. Und dann wird, Peng, suggeriert, dass dies auch für das menschliche Zusammenleben und das Bewusstsein gelten müsse. Das ist erkenntnistheoretischer Unfug.

Was mich inspiriert:

  • David Bohm ist wieder einer, der unser abendländisches Denken hinterfragt. Genau wie Mitterer und Estermann. Oder Eske Bokelmann. Er ist wieder einer, der dieses Dogma unserer Denkkultur in Frage stellt: „Die Welt besteht aus Dingen, die in Beziehung zueinander stehen.“
  • David Bohm ist über theoretische Physik zu ethischen Einsichten gelangt, die vielen empathischen Menschen mit Herzenswärme selbstverständlich sind. So ähnlich wie die Aspergerautistin Greta Thunberg. Ganz im Widerspruch zu: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

2015 & 2020

2015

  • Phase1 – In einem Anfall von Menschlichkeit und Vernunft wird beschlossen ca. 1 Million Geflüchtete aufzunehmen.
  • Phase2 – Oh, das ist anstrengend. Es gibt immer mal Probleme. Merkel muss weg.

2020

  • Phase1 – In einem Anfall von Menschlichkeit und Vernunft wird „FlattenTheCurve“ beschlossen, um hunderttausende Tote zu vermeiden.
  • Phase2 – Oh, das ist anstrengend. Es schadet der Wirtschaft. Sollen wir nicht doch lieber mehr Leute sterben lassen.

 

Kausalität, Corona & das Klima

Eine Folie aus einer Vorlesung von Ingo Rechenberg zeigt sehr schön den Unterschied von starker und schwacher Kausalität.

Wenn nun Leute sagen, Corona sei so ähnlich wie gewöhnliche Grippe, dann unterstellen sie starke Kausalität. Ein bisschen ansteckender und ein bisschen tödlicher – was soll da schon passieren. (wobei es hier noch nicht mal um Chaos geht sondern nur um die Exponentialfunktion)

Und Leute, die sagen, ein bisschen mehr Kohlendioxid in der Luft oder eine etwas höhere Temeperatur – was soll da schon passieren- auch die bewegen sich in ihrem Denken auf dem sicheren Boden der starken Kausalität.

Wahrscheinlich ist starke Kausalität auch das einzige, was wir wirklich intuitiv begreifen können. Deterministisches Chaos und Exponentialfunktion widersprechen dem „gesunden Menschenverstand.“

Kapitalismus & Corona

Das ist schon verrückt. Eine Maschinerie aus Bäckereien, Kläranlagen, Kneipen, Schulen, Schuhfabriken, Eisenbahnen, … Diese Maschine stellt alle Güter her, die wir brauchen. Und jetzt muss die Maschine mal kurz zwei oder drei Wochen stillstehen. Eigentlich kein Problem. Aber jetzt passiert etwas ganz eigenartiges. Manche Betriebe können nicht stillstehen, weil dann Kredite nicht zurückbezahlt werden können. Das erklär mal einem Marsmenschen oder Neanderthaler.

Schicksal 2.0

Früher hat uns Gott geleitet. Dämonen, Engel oder Teufel hatten ihre Hand im Spiel. Karma, Schicksal, Vorsehung,…

Heute ist das anders. Da ist es die schwere Kindheit oder die zu behütete. Die armen oder reichen Eltern. Die zu vielen oder zu wenigen Geschwister. Die Gene. Die Wende. Die transgenerationalen Traumata…

Oder wie es Enzensberger 1993 formulierte:

Die neuen Vormünder nehmen in ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit den Verirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab. Schuld ist nie der Täter, immer die Umgebung: das Elternhaus, die Gesellschaft, der Konsum, die Medien, die schlechten Vorbilder. Jedem Totschläger wird gewissermaßen ein Multiple-Choice-Fragebogen ausgehändigt, den er, zu seinem eigenen Besten, auszufüllen hat: Mama wollte mich nicht; ich hatte allzu autoritäre / allzu antiautoritäre Lehrer; Papa kam besoffen / nie nach Hause; die Bank hat mir zu viel Kredit gegeben / mein Konto gesperrt; ich wurde als Kind / Schüler / Lehrling / Angestellter verwöhnt / zurückgesetzt; meine Eltern haben sich zu früh / zu spät scheiden lassen; es gab in meiner Umgebung keine ausreichenden / zu viele Freizeitangebote. Deswegen ist mir nichts anderes übrig geblieben, als eine Brandstiftung / einen Raub / ein Attentat / einen Mord zu begehen (Zutreffendes bitte ankreuzen).
Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt Main, 1993, S.37