Archiv für den Monat November 2016

Klassenkampf in der Lagerhalle

Kim Moody sieht in der ak/620 Möglichkeiten für das alte „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ In den neuen riesigen Logistikzentren sieht sie das Potenzial organisierter Arbeiteraufstände, die sehr wirksam sein können:

Waren bewegen sich schneller. Dabei hat sich die Geschwindigkeit von LKWs, Flugzeugen und Zügen nicht verändert. Was sich verändert hat, ist wie die Dinge organisiert sind. Waren bleiben nicht mehr lange in den Lagern. Am Ankunftsbahnhof werden sie innerhalb weniger Stunden auf LKWs umgeladen und weitertransportiert. Dieser Sofortumschlag ist in der Tat eine Entwicklung des 21. Jahrhunderts. Damit er funktioniert, hat die Industrie Logistikcluster geschaffen: riesige Ansammlungen von Warenlagern; Orte, an denen sich Schienen-, Schiff-, Luft- und LKW-Transport treffen und koordiniert werden können.

Jetzt könnte man denken: »Okay, das klingt alles ziemlich nach High-Tech.« Trotzdem braucht man dafür Zehntausende Arbeiter. In den USA gibt es 60 solcher Cluster, aber drei stechen heraus: der Hafen von New York und New Jersey, die Los Angeles und Long Beach Hafenzone und Chicago. Jedes dieser drei Cluster beschäftigt innerhalb eines ziemlich überschaubaren Gebiets mindestens 100.000 Arbeiterinnen und Arbeitern.

Der ganzen Outsourcing-Idee der 1980er lag das Ziel zugrunde, große Arbeiterkonzentrationen in Orten wie Detroit, Pittsburgh oder Gary zu zerschlagen. Nun haben die Unternehmen unbeabsichtigt gewaltige Ballungszentren manueller Arbeiter geschaffen. Das könnte sich für sie als Eigentor erweisen – denn hier gibt es plötzlich das Potenzial, schlecht bezahlte Arbeiterinnen und Arbeiter in großer Zahl gewerkschaftlich zu organisieren.

Der andere Punkt ist, dass diese Cluster durch Just-in-time-Systeme miteinander verbunden sind. Es gibt also Hunderte, vielleicht Tausende hochsensibler Punkte im Transportsystem. Wenn die Arbeit an einem Ort stillsteht, kannst du schnell riesige Gebiete lahmlegen.

Passt gut zu zu „Forces of Labor“ von Beverly J. Silver.

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Dieter Duhm & ClintonTrump

Dieter Duhm analysiert sehr schön schlüssig die Pest- & Choleraalternativen der amerikanischen Präsidentschaftswahl:

Beide haben der bestehenden Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten. Die eine vertrat das Establishment, der andere vertrat die wütende Volksseele gegen das Establishment. Die Wut hat gewonnen. Beide aber vertraten genau dasselbe System, nur von verschiedenen Seiten.

Aber dann denkt er weiter:

Das Leben auf der Erde braucht eine andere Lebensordnung mit einem anderen Bild von Führung und Einheit.

Und mir fällt der Slogan der alten Grünen ein: „Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur!“

Er hat ein Bild davon, wie es sein müsste, was passieren muss:

Da müssen wir hinkommen, denn sonst geben wir uns mit Ersatzlösungen zufrieden, die regelmäßig zur Katastrophe führen. Wir Menschen haben eine lange Zeit mit diesen Ersatzlösungen gearbeitet, haben ideologische, politische, religiöse, moralische Systeme entworfen, welche uns ein erfülltes Leben sichern sollten – und stehen jetzt am kollektiven Abgrund. Das Zeitalter der Ersatzlösungen ist vorbei. Der Faschismus war eine Ersatzlösung, der Kapitalismus war eine Ersatzlösung, die Gedanken von Macht und Gefolgschaft, von Autokratie oder Demokratie waren eine Ersatzlösung, die katholische Kirche war eine Ersatzlösung, die mystischen Wege bis zum Nirwana waren eine Ersatzlösung. Das auserwählte Volk, alle kleinen oder großen Imperien, alle Götter waren eine Ersatzlösung – und es war auch eine Ersatzlösung, als wir anfingen, auf alle Götter zu verzichten und einen materialistischen Nihilismus zu lehren. Wir brauchen heute eine andere Lösung auf einer anderen menschlichen, zwischenmenschlichen, ethischen und spirituellen Grundlage. Wir brauchen die Lösung auf der Ebene der Wahrheit zwischen realen Menschen …

Nur blöd, dass alle Ersatzlösungen, die Duhm aufzählt nicht für Ersatzlösungen gehalten wurden, sondern jeweils für der Weisheit letzten Schluss. All die Ersatzlöser wussten genau, wie es sein soll und bezogen sich auf ihren aktuellen Erkenntnisstand.

Ich kann an Duhms Text nicht erkennen, dass er erkenntnistheoretisch kategorial anders da steht wie irgendein Weltrettungsplaner vor ihm. Wenn ich will, dass die Menschen auf eine bestimmte Art miteinander umgehen, dann kann/muss ich mich dafür einsetzen. Aber ich sehe keine Chance für ein von mir unabhängiges Sollen auf das ich mich stützen kann.