Abtörnende YogaWerbung

Yoga als Mittel, um als Privilegierter in einer widersprüchlichen Welt nicht durchzudrehen. Genau das, was Marshall Rosenberg mit „Übersetzender Spiritualität“ meinte:

Ich habe Leute gesehen, die Buddhas Worte gehört und auf eine Art interpretiert haben, die sie zu einer übersetzenden Spiritualität geführt hat. Diese Menschen sind dann einfach nur nette, ruhige, ordentliche und meditierende Wesen, die hoffen, dass ihre gute Energie sich ausbreiten wird. Die Welt um sie herum besteht jedoch genauso fort, wie sie immer war. Ich denke, diese Art von Spiritualität lässt unsere Probleme nur weiter bestehen.

consciousness & yoga

Anil Seth singt das bekannte Lied des Konstruktivismus, verweist darauf, wie unser Gehirn/Bewusstsein/wer-auch-immer uns einen kruden Mix aus Sinneswahrnehmung und unbewusster Interpretation durch Vorerfahrung als „Wirklichkeit“ anbietet. Soweit, so Watzlawick.
Was für mich inspirierend war: ICH bin keine alleinige Funktion des Gehirns sondern ICH bin aufs Engste mit meiner Lebendigkeit, mit meinem Körper verknüpft. Und hier wird deutlich, wohin die Reise geht, wenn ich Yoga betreibe oder eine andere Technik um hinter das Affengeschnatter zu schauen, wenn ich auf das lausche, was bleibt in der Stille. Wäre mein Bewusstsein eine reine Funktion des Gehirns, dann wäre da für den Atheisten rein gar nichts ohne das Affengeschnatter. Aber so wird klar, dass es um eine Spurensuche nach der eigenen Lebendigkeit auf einem präkulturellem Niveau geht:

Flow with life

So ein Video von John Scott:

Was mir durch den Kopf ging, war der Aktionismus, geradezu Revolutionismus vieler junger Menschen, die die Welt retten wollen, die 10 Jahre später resignieren und in Man-kann-ja-doch-nichts-ändern verfallen. Oder die Sitzkissenerleuchteten. John Scotts „Flow with Life“ kann der dritte Weg sein, jenseits von Nichtstun und Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand.

Willigis Jäger

Ein schöner Ansatz, worum es beim Yoga geht:

Willigis JägerDer Körper ist unser Partner und Freund auf dem spirituellen Weg. So gesehen ist es nur natürlich, dass alle spirituellen Wege im Körper ansetzen (…) Der Körper ist der Ausgangspunkt, er ist gleichsam das Gefäß, in das die Begegnung mit der göttlichen Wirklichkeit gefasst ist. Der Westen hingegen hat in den letzten Jahrhunderten einen Weg über den Intellekt zu den Dingen entwickelt. Er hat die Welt wissenschaftlich, das heißt von außen betrachtet und untersucht. Dieser Zugang zu den Phänomenen hat den Weg ins Sein verdunkelt. Denn der Weg ins Sein führt, so eigenartig das in manchen Ohren auch klingen mag, über den Körper: Atem, Sitzen, Schreiten, Tanzen, Laute, Körperhaltungen. Unser tiefstes Wesen ist sehr viel stärker in unserem Körper beheimatet, als wir lange gemeint haben. Denn nur im Körper wird die Einheit von Bewusstsein und Materie sichtbar und erlebbar.
aus: Die schönsten Texte / von Willigis Jäger

Und wenn ich an Leute wie Ulrich Ott oder Mattthieu Ricard denke, dann beginnt sich der Widerspruch zwischen Wissenschaft und Spiritualität aufzulösen.

Das dritte Auge einfach mal schließen

Letztens hat jemand versucht, meine Chakren zum Leuchten zu bringen. Ich mache gerne und regelmäßig so Yogaverrenkungen und erfreue mich diffuser Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche. Aber den klassischen Interpretationen, was da passiert, stehe ich eher skeptisch gegenüber. So auch bei diesem Workshop. Mit Zuordnungen zwischen Farben, Sinnen und Körperregionen, den Chakren, kann ich wenig anfangen.

Aber an der Wand hing ein Plakat, das hat mich elektrisiert. Da waren also fünf Chakren im Körper verteilt und jedem war einer der fünf Sinne zugeordnet. Und am 6. Chakra, dem dritten Auge, stand schlicht und ergreifend – Denken. Das Symbol ist so eine zweiblättrige Blüte und an anderer Stelle stand noch was geschrieben von Quelle der Dualität.

Das ist ja mal eine schöne, demütige Vorstellung vom Denken als spezieller Sinneswahrnehmung. Ich nehme mit den Augen die Welt in bestimmter Weise wahr. Ich nehme die Welt mit den Ohren in bestimmter Weise wahr. Und die fünf Sinne arbeiten zusammen, ergänzen einander. Keiner käme auf die Idee, dass es möglich sei, mit den 5 Sinnen die ganze Welt zu erfassen, die Wahrheit zu erkennen. Ich höre mit geschlossenen Augen Musik. Mit offenen Augen schaue ich in stiller Nacht in die Sterne. Manchmal genieße ich auch vollkommene Stille und Finsternis.

Na und das Denken, das hat ein paar Zusammenhänge erkannt. Wann sich Vollmond wiederholt, wie Differentialgleichungen funktionieren und Antibiotika. Manchmal stellt es auch Vermutungen an, baut komplexeste Luftschlösser. Wer wohl den Müll im Keller neben die Tonne schmeißt, ob Friedhelm mich nicht leiden kann, wie ich morgen leben will. Dieses Denken gleichrangig neben Fühlen, Schmecken, Riechen, Hören und Sehen zu stellen, das ist ein genialer Einfall. In diesem Sinne übe ich gern, Denkpausen einzulegen und zu beobachten, was passiert, wenn das Denk-Karusell zum Stillstand kommt.

Aber das Denken zu Verdammen, es für Leiden alleinverantwortlich zu machen, das ist meine Sache (noch?) nicht.