Schlagwort-Archive: Politik

KZ Hohnstein

Damals als die AfD noch nicht im Bundestag saß, damals als rassistische Angriffe wütender weißer Männer noch als Ausnahmen erschienen, da war ich manchmal so in KZ-Gedenkstätten. Was ich dort sah, schien mir unendlich fern – wie Folterkammern aus dem Mittelalter.

Heute war ich im KZ Hohnstein. Kurz nach dem die NSDAP durch einen völlig legalen demokratischen Prozess an die Macht gekommen war, wurden in kürzester Zeit KZs geschaffen. In das KZ Hohnstein wurden innerhalb weniger Monate 5.000 Menschen verschleppt.

Es fühlte sich diesmal weniger fern an, eher bedrohlich aktuell.

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Klassenkampf in der Lagerhalle

Kim Moody sieht in der ak/620 Möglichkeiten für das alte „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will.“ In den neuen riesigen Logistikzentren sieht sie das Potenzial organisierter Arbeiteraufstände, die sehr wirksam sein können:

Waren bewegen sich schneller. Dabei hat sich die Geschwindigkeit von LKWs, Flugzeugen und Zügen nicht verändert. Was sich verändert hat, ist wie die Dinge organisiert sind. Waren bleiben nicht mehr lange in den Lagern. Am Ankunftsbahnhof werden sie innerhalb weniger Stunden auf LKWs umgeladen und weitertransportiert. Dieser Sofortumschlag ist in der Tat eine Entwicklung des 21. Jahrhunderts. Damit er funktioniert, hat die Industrie Logistikcluster geschaffen: riesige Ansammlungen von Warenlagern; Orte, an denen sich Schienen-, Schiff-, Luft- und LKW-Transport treffen und koordiniert werden können.

Jetzt könnte man denken: »Okay, das klingt alles ziemlich nach High-Tech.« Trotzdem braucht man dafür Zehntausende Arbeiter. In den USA gibt es 60 solcher Cluster, aber drei stechen heraus: der Hafen von New York und New Jersey, die Los Angeles und Long Beach Hafenzone und Chicago. Jedes dieser drei Cluster beschäftigt innerhalb eines ziemlich überschaubaren Gebiets mindestens 100.000 Arbeiterinnen und Arbeitern.

Der ganzen Outsourcing-Idee der 1980er lag das Ziel zugrunde, große Arbeiterkonzentrationen in Orten wie Detroit, Pittsburgh oder Gary zu zerschlagen. Nun haben die Unternehmen unbeabsichtigt gewaltige Ballungszentren manueller Arbeiter geschaffen. Das könnte sich für sie als Eigentor erweisen – denn hier gibt es plötzlich das Potenzial, schlecht bezahlte Arbeiterinnen und Arbeiter in großer Zahl gewerkschaftlich zu organisieren.

Der andere Punkt ist, dass diese Cluster durch Just-in-time-Systeme miteinander verbunden sind. Es gibt also Hunderte, vielleicht Tausende hochsensibler Punkte im Transportsystem. Wenn die Arbeit an einem Ort stillsteht, kannst du schnell riesige Gebiete lahmlegen.

Passt gut zu zu „Forces of Labor“ von Beverly J. Silver.

Wir sind das Volk?

Damals ’89 standen so Leute vor Partei- oder Stasizentralen herum und riefen: „Wir sind das Volk!“ Sie riefen es in einem System, das eine Volksdemokratie sein wollte, das für alle den Himmel auf Erden schaffen wollte oder doch wenigstens den Kommunismus. Die da riefen forderten die Einhaltung der Ideale.

Wenn da heute Leute unter diesem Slogan demonstrieren, kann man sie nur fragen: Na und. Die gegenwärtigen politischen Verhältnisse halten, was sie versprechen.

Deutschland wird gut

Die September- und Oktobertitel zeigen: Selbst die Kritischen Kotzbrocken von konkret erkennen die Wandlung Deutschlands an:

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Aber nein, der Schein der Titelbilder trügt, Gremliza ist immer noch skeptisch:

Alle Kriege und Bürgerkriege dort unten sind unsere Kriege. Wer vor ihnen flieht, flieht zu uns, vor uns, vor den Folgen unserer Kolonialpolitik, und wird, wenn uns […] der Überdruss an unserem Sommermärchen und den Kuscheltierchen packt, seinen Winteralptraum erleben

Zusammenfassung

Ralf Schröder in der aktuellen konkret:

Dass Deutschland, wie nicht nur der einheimische Nazi vielfach beklagt, von überdurchschnittlich vielen Flüchtlingen als Ziel ausgewählt wird, ist eine wenig überraschende und höchst passende Pointe der Migrationsdynamik: Kein werktätiges Nationalkollektiv in Europa exportiert mehr Elend als das hiesige, die Rechnung gilt absolut und erst recht pro Kopf. Die gewaltigen, weltweit und wirtschaftshistorisch einzigartigen Überschüsse des deutschen Ausfuhrwesens werden seit Jahren erzielt, weil Waren, Investitionen, Kredite, Waffen, Krieg und »Entwicklungshilfe« bis in die entlegensten Gebiete des Planeten sickern und dafür sorgen, dass weitere Regionen unbewohnbar werden. In der Profit- und Verwertungsmaschinerie werden die Migranten zu Menschenmüll, der aus Sicht seiner Verursacher in allererster Linie das Problem der weiteren Verwertung beziehungsweise Entsorgung aufwirft.

Deutschland und die Griechenlandkrise

In der Lausitzer Rundschau gefunden:

Die deutschen Steuerzahler sind einer Studie zufolge selbst bei einem kompletten Ausfall der griechischen Schulden große Gewinner der Krise. Von 2010 bis heute habe der deutsche Fiskus mehr als 100 Milliarden Euro an Zinszahlungen gespart, weil durch die Krise die Anleihenrenditen stark sanken. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) in Halle. Die Einsparungen seien höher als die rund 90 Milliarden Euro, die Griechenland Deutschland direkt und indirekt zum Beispiel über den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) schulde.

Originalquelle

Nussbaum und Sen

blasen ins selbe Horn:

Welche Fragen sollten wir uns in Europa stellen?
AMARTYA SEN: Ich sehe die europäische Wirtschaftspolitik, wie sie besonders stark von der Europäischen Zentralbank, aber auch von der Bundesbank forciert wird, kritisch. Ich würde behaupten, dass der bedingungslose Sparkurs ein Fehler ist – sowohl ein ökonomischer als auch ein sozialer Fehler. Hinter der interessanten Frage, wie die Eurozone in einer so kontraproduktiven Politik stecken bleiben konnte, stehen gute Gründe dafür, dass die entscheidenden politischen Diskussionen auf Banker und Finanzpolitiker beschränkt waren. Es gab nie eine maßgebliche öffentliche Diskussion über die Politik der Eurozone. Die Perspektive der Banker ist sehr beschränkt in Bezug auf das Leben, die sozialen Anliegen und ökonomischen Aktivitäten der Menschen. Eine öffentliche Diskussion hätte geholfen.

Was unterscheidet gute europäische Führer von amerikanischen?
MARTHA NUSSBAUM: … in Europa dominiert zurzeit immer mehr die Idee, dass sich die Regierung ums Wirtschaftswachstum zu kümmern hat. Das bereitet mir Sorgen, weil ich glaube, dass eine rein ökonomische Gemeinschaft ohne eine Gemeinschaft des Herzens im Sinne eines gemeinsamen Ziels zum Scheitern verurteilt ist. Man braucht Menschen, die darüber hinausragen und für die größeren Ziele sprechen.
aus: HOHE LUFT kompakt 01/2015