Archiv der Kategorie: Politik

Arbeit und Demokratie

So ein Filmchen: „Creating Freedom – The Lottery of Birth“ denkt über „alles“ nach. Allerlei zeitgenössische Denker, wie etwa Daniel Dennett, Vandana Shiva oder Howard Zinn denken über das Gutsein und die Freiheit in Zeiten des Liberalismus nach:

Spannend fand ich den Part über Arbeit:

  • Lohnarbeit heißt Abgabe von demokratischen Bürgerrechten. Als Bürger habe ich Versammlungs- und Redefreiheit, Anspruch auf Privatsphäre und ich darf wählen, wer mich regiert. Auf viele dieser Privilegien verzichte ich als Angestellter.
  • Der sicherste Weg, Arbeit auszuhalten, ist, deren Ideologie zu verinnerlichen – das Stockholmsyndrom in der Arbeitswelt. Paul Lafargue lässt grüßen.
  • Gehorsamkeit verschiebt die Macht nach oben.

Ich habe den Film über Amazon geguckt.

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Fundamentalismus

Was Kluges von Willigis Jäger:

Fundamentalismus ist der Sieg der Angst über einen nicht mehr kontrollierbaren Fortschritt. Er versteht sich als die eine »Wahrheit«, die nicht mehr hinterfragt werden darf, und missachtet die Erkenntnisse der heutigen Wissenschaft. Dieser Fundamentalismus ist in allen Religionen zu finden. Er bedroht die Freiheit des Menschen und auch die Freiheit der Veränderung. Er ist in der katholischen Kirche genauso zu Hause wie in anderen Religionen. Dem Mündigwerden der Christen steht im Fundamentalismus eine Art Kindertrotz gegenüber, der sich weigert, erwachsen zu werden. Die Märtyrerideologie der jungen Muslime, die sich in die Luft sprengen, um sofort ins Paradies zu kommen und auch andere zu retten, stellt eine extreme Form des weltweit neu erwachenden Fundamentalismus dar. Während der Opfertod Jesu von den Theologen längst relativiert wurde, wird er in den Gemeinden noch immer verkündet. […] Paulus durfte noch sagen: »Unser Wissen ist Stückwerk.« Damals gab es noch keine absolute Wahrheit und kein unfehlbares Lehramt.

Stammt aus einem Büchlein von 2012.
Passt gut zu Gustav Heckmanns Wahrheitsbegriff

Haseloff und die Identität

Mein Landesvater Reiner Haseloff spricht:

  • Mitteldeutsche Zeitung: „Viele Sachsen-Anhalter haben Schwierigkeiten, anderen ihre eigene Region zu beschreiben. Da ist die Marke Luther identitätsstiftend, damit wird man sofort erkannt“
  • WELT: „Menschen wollen wissen, wie Deutschland seine Identität bewahrt.“

Melanie Schmitz von den Identitären in Halle sagt:

  • „Jedes Volk hat ein Recht auf Identität. Melanie kämpft für unseres. Wann wirst du aktiv?“

Wo ist die Grenze zwischen den Beiden. Es gibt keine Grenze. Wer Streben nach „Identität“ kritiklos positiv besetzt, nimmt auch die hässlichen Auswirkungen in Kauf.

Wer das nicht will, der muss dicke Bretter bohren und seine eigene Sozialisierung hinterfragen:

Der Strukturlosigkeit des Begriffs war nur ein einziger fester Kern mitgegeben: die Abgrenzung vom Nicht-Identischen, in welcher Bestimmung auch immer, und insofern ist er im Kern auf Konflikt hin angelegt. Im Fall des kollektiven Konflikts verflüchtigt sich jedoch die situative Vagheit subjektiver Balancen und muß mit der beinharten Notwendigkeit des Sozialen durch objektivierende Kriterien der Inklusion und Exklusion ersetzt werden.
Im Zuge der Steigerung einer Konfliktdynamik werden sich dabei nur Letztbegründungen bewähren, die es im Bereich von Geschichte und Gesellschaft nicht gibt und für die deshalb auf Glaubensüberlieferungen oder scheinbar natürliche Gegebenheiten, grob gesprochen: auf Religion und Rasse, zurückgegriffen werden muß. Insofern ist kollektiver Identität die Tendenz zum Fundamentalismus und zur Gewalt inhärent.

Zombies und Wutbürger

Die rassistischen Traditionen im Osten lange vor Rostock-Lichtenhagen. Diese Geschichte mit dem Bus voll Geflüchteter, der in Clausnitz blockiert wurde. Und jetzt der aktuelle Wahlkampf mit den Merkel-muss-weg-Demonstranten:

Das alles erinnert mich schon an sowas hier:

Ein Gegenüber, das wie ein Mensch aussieht. Dieses Gegenüber reagiert aber nicht auf rationale Argumente. Es tritt in immer größer werdenden Rudeln auf und bedroht den braven Bürger in seiner gesicherten Existenz.

Und wirklich in Joachim Körbers „Die Philosophie bei The Walking Dead“ wird die These vertreten, dass der aktuelle Hype um Zombies Ausdruck der Angst der bürgerlichen, gebildeten Mitte vor dem Chaos ist.

(siehe auch Zombies und Ostdeutsche)

 

Isolation und Gemeinschaft

wieder zwei Fundstücke, die gegen Isolation und Kleinfamilie wettern:

Ein DLF-Feature „Selbstwert oder gelernter Hass – Wie uns die frühe Kindheit prägt“ breitet sehr schön aus, wie sinnvoll eine gewaltfreie, die Bedürfnisse des Kindes achtende Erziehung ist. Und kommt zu der ernüchternden Erkenntnis, dass das in in einer Kleinfamilie nicht zu schaffen ist und unter den aktuellen gesellschaftlichen Verhältnissen zu chronischer Erschöpfung der Eltern führt.

Und Remo Largo, ein Schweizer Kinderarzt, hat ein Buch über Erwachsene geschrieben: „Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können“ In einem Interview über dieses Buch heißt es:

… Welches Grundbedürfnis kommt in unserer Gesellschaft oft zu kurz?

Geborgenheit und soziale Anerkennung. Wir Menschen haben während 200 000 Jahren in Lebensgemeinschaften gelebt, in denen man sich gut kannte und aufgehoben fühlte. Wir sind nicht dafür gemacht, in einer anonymen Massengesellschaft zu leben. Wir brauchen eine stabile, tragfähige Lebensgemeinschaft um uns. Die Kleinfamilie genügt dafür nicht.

… Das Problem ist einfach, dass wir Menschen soziale Wesen sind, wir können nicht alleine leben. Unser Bedürfnis nach Geborgenheit, nach sozialer Anerkennung ist so elementar wie der Hunger.

Ihre Lösung dafür ist die Lebensgemeinschaft etwa in Mehrgenerationenhäusern. Das klingt utopisch.

Der moderne Mensch hat während 200 000 Jahren ausschliesslich in Lebensgemeinschaft vertrauter Menschen gelebt. Heutzutage geht es immer mehr Kindern und Alten schlecht und jene in der Mitte, vor allem Eltern müssen sich unglaublich abstrampeln, weil sie glauben, alles alleine stemmen zu müssen. So kann es ja nicht mehr weitergehen.

Verklären Sie da nicht etwas die vergangenen Zeiten, als Kinder in Grossfamilien aufwuchsen mit vielen Tanten und Geschwistern?

Eine Lebensgemeinschaft, wie sie mir vorschwebt, ist kein Vergnügungspark. Die Menschen haben Pflichten, etwa sich gemeinsam um die Kinder und die Alten zu kümmern. Sich um einander zu sorgen, schafft tragfähige Beziehungen.

Damals, im 19. Jahrhundert, richtete der Kapitalismus die Menschen offensichtlich physisch zu Grunde. Alternativen richteten sich darauf, dieses Problem zu lösen: „Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu Essen bitte sehr…“

Jetzt wird immer deutlicher, dass der Kapitalismus auch der Seele schadet. Nur dass dieses Problem schwieriger ist. Mit Verhungernden geht es nicht. Aber die/wir seelisch Verkrüppelten sind genau das Personal, das den Laden am Laufen hält.

Rente in Österreich

In einem ausführlichen Artikel des KontrastBlogs werden deutsches und österreichisches Rentensystem verglichen. Österreich setzt vollständig auf ein umlagefinanziertes System und hat sich dafür entschieden, dass Leute im Alter bei unwesentlich höheren Beiträgen als in Deutschland 80% ihres Nettoeinkommens bekommen.

Die Videoversion von plusminus:

Insgesamt scheint also Spielraum zu bestehen, wie grausam ein kapitalistischer Staat mit seinen nichtproduktiven Bürgern umgeht. Die Niederländer fallen mir ein, mit ihrer Mindestrente von über 1000€…