Konstruktivismus erleben

So ein Zitat von Dōgen Zenji:

„To study the Way is to study the self. To study the self is to forget the self. To forget the self is to be actualized by myriad things. When actualized by myriad things, your body and mind as well as the bodies and minds of others drop away. No trace of enlightenment remains, and this no-trace continues endlessly.“

Für mich bedeutet das, die Konstruiertheit von allerlei Wirklichkeiten 2. Ordnung zu erleben. Meditation als erlebte/gefühlte Dekonstruktion.

Bürokratie, Gewalt und Dummheit

Im freitag 19/2016 wird ein Buch über Bürokratie von David Graeber besprochen. Über Gewalt sagt Graeber:

Gewalt ist eine einzigartige menschliche Handlung. Man kann damit auf eine andere Person einwirken, ohne dass man das Geringste über sie zu wissen braucht. Zum Beispiel, wenn man sagt: „Wenn du diese Linie überquerst, dann erschieße ich dich!“ In jeder anderen Situation, in der man auf das Verhalten anderer einwirken will, muss man diese anderen zuerst verstehen. Wenn ich aber Waffen habe, und du hast keine, brauche ich über die Situation gar nicht nachzudenken. Überall herrscht strukturelle Gewalt vor, die immer mit struktureller Ungleichheit einhergeht. Wenn man eine andere Person verstehen will, muss man sich bis zu einem gewissen Grad mit ihr identifizieren – das ist auch eine Art, diese andere Person wichtig zu nehmen. Wenn ich aber eine Waffe habe und der andere nicht, muss sich der Bedrohte die ganze Zeit in mich hineinversetzen. So kommt es, dass alle mich dann sehr wichtig nehmen – ohne dass ich sie wichtig nehmen müsste.

Diese Assymetrie hat Folgen:

[…] Es geht im Wesentlichen darum, dass Menschen in einer schwächeren Position, also Machtlose, einen tieferen Einblick in andere haben. Um mit den Mächtigeren überhaupt kommunizieren zu können, müssen sie sich ständig in sie hineinversetzen. Ich wollte das von der anderen Seite her verstehen: Mächtige Menschen müssen sich nicht in andere hineinversetzen und werden dabei also dümmer. In jedweder Situation von systemischer Ungleichheit ist das so.

Gartsig ausgedrückt: Empathie als Überlebensstrategie der Unterdrückten. Diese Sichtweise ist sehr erhellend. Aus aktuellem Anlass hilft sie mir verstehen, was passiert, wenn eine Stadtverwaltung in „ihrer“ Stadt etwas verändert.

Willigis Jäger

Ein schöner Ansatz, worum es beim Yoga geht:

Willigis JägerDer Körper ist unser Partner und Freund auf dem spirituellen Weg. So gesehen ist es nur natürlich, dass alle spirituellen Wege im Körper ansetzen (…) Der Körper ist der Ausgangspunkt, er ist gleichsam das Gefäß, in das die Begegnung mit der göttlichen Wirklichkeit gefasst ist. Der Westen hingegen hat in den letzten Jahrhunderten einen Weg über den Intellekt zu den Dingen entwickelt. Er hat die Welt wissenschaftlich, das heißt von außen betrachtet und untersucht. Dieser Zugang zu den Phänomenen hat den Weg ins Sein verdunkelt. Denn der Weg ins Sein führt, so eigenartig das in manchen Ohren auch klingen mag, über den Körper: Atem, Sitzen, Schreiten, Tanzen, Laute, Körperhaltungen. Unser tiefstes Wesen ist sehr viel stärker in unserem Körper beheimatet, als wir lange gemeint haben. Denn nur im Körper wird die Einheit von Bewusstsein und Materie sichtbar und erlebbar.
aus: Die schönsten Texte / von Willigis Jäger

Und wenn ich an Leute wie Ulrich Ott oder Mattthieu Ricard denke, dann beginnt sich der Widerspruch zwischen Wissenschaft und Spiritualität aufzulösen.

Connectedness und Nachhaltigkeit

connectednessDie Autoren des Sammelbandes Connectedness von Gerald Hüther und Christa Spannbauer werden nicht müde auf immer neue Weise herauszuarbeiten, wie wir Menschen auf vielfältigste Weise miteinander und allem verbunden sind. Eine Sammlung ganz brauchbarer Predigten gegen den IndividualisMUS, voll von Zitaten wie diesem:

Wir glauben nur zu gern, dass das Ich ewig und unveränderlich besteht. «Ich bin der Ich-bin», sagt im Alten Testament Gott von sich selbst. Nicht erst in der Neuzeit fingen die Menschen an, selbst solch ein Ich-Gott sein zu wollen. Doch dieses Ich ist leer, wie die erste Lehraussage des Buddha besagt: Der Ich-Gedanke ist eine Illusion. Wir denken diesen Gedanken in einer Sprache, die zwar unsere Muttersprache ist, die wir aber nicht selbst geschaffen haben. Wir sind verkörpert in einem Leib, der zusammengesetzt ist aus transformierten Pflanzen und Tieren, der kaum fünf Minuten ohne Luft auskommt, nicht lange ohne Wasser und der in seinem Lebensumfeld völlig abhängig ist von anderen Menschen und der Natur. Wir bauen unser Ich als Idee ebenso aus dem Material von Gedanken auf, die wir in der Sprache und den Medien von anderen übernehmen, wie wir unseren Körper aus anderen Lebewesen aufbauen und mit den Produkten von anderen Menschen, wie Kleidung, Häuser, Autos und so weiter, umgeben. All das nennen wir «mein» – obwohl es doch nur Ausdruck unserer völligen Abhängigkeit von anderen und von der Natur ist. Genau betrachtet ist also der Gedanke «Ich bin» ein völlig unsinniger Gedanke. Und der Satz von René Descartes cogito ergo sum – «Ich denke, also bin ich» besagt eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was gewöhnlich damit verbunden wird. Ich denke in einer Sprache, die ich nicht geschaffen habe, in Bildern, die von außen kommen, habe Gefühle, die ich in meinem aus fremden Lebewesen aufgebauten Körper empfinde. Also bin ich all dies, wovon ich abhänge. Ich denke, also bin ich kein getrenntes Ich, sondern ein vielfältiger, von vielem abhängiger Prozess. (Karl-Heinz Brodbeck – Von der Geldgier zum Wachstum an Verbundenheit)

Und vor diesem Hintergrund erscheint nachhaltiges Handeln, Bewahrung der Schöpfung oder wie immer man es nennen mag nicht mehr als moralinsaures Gebot.

Robert Harrison – Gärten

Meine Jahreswechsellektüre: Robert HarrisonGärten – Ein Versuch über das Wesen des Menschen. Mir ist hängengeblieben:

  • Menschsein als ständiger Kultivierungsprozess. Eben wie ein Garten, der ohne sorgende Pflege verdorrt, verwildert, wieder zu Natur wird. Weder Natur, noch Acker eignen sich als Gleichnis für den Menschen.
  • Für Lehrers: „Ebenso wie der Gärtner Leben kultivieren, es aber nicht hervorbringen kann, vermag auch der Lehrer wahre Erkenntnis nicht zu erzeugen, sondern nur den Prozess zu begünstigen, durch den sie im Geist des Schülers geboren wird. „
  • Speziell für Ethiklehrers: Boccaccios bescheidene Ethik: Nicht Erlösung, sondern Helfen, den Alltag zu meistern.
  • Und überhaupt: Ein Gärtner hält nicht das Arbeitsethos hoch. Er verschreibt sich nicht der Sache der Mühe. Er verschreibt sich der Sache der Dinge, die er kultiviert.
  • Und natürlich noch etwas eurozentristische Schelte. Schon toll, wie Harrison mit Plato, Boccaccio und Capek oder Ahrendt jongliert, mit Bibel, Gilgameschepos und Koran. Aber für einen Versuch über das Wesen des Menschen fehlen natürlich wieder indigene Kulturtraditionen. Das Buch ist ein Versuch über das Wesen des westlichen Menschen.