Archiv der Kategorie: Philosophie

Der philosophische See

In Strawsons „Analyse und Metaphysik“ gibt es das Bild vom philosophischen See, der keine flachen Ufer habe.

In den Mitschriften zu einem Searle-Seminar dann noch die Anmerkung: „Wir haben den philosophischen See selbst gegraben.“

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Haseloff und die Identität

Mein Landesvater Reiner Haseloff spricht:

  • Mitteldeutsche Zeitung: „Viele Sachsen-Anhalter haben Schwierigkeiten, anderen ihre eigene Region zu beschreiben. Da ist die Marke Luther identitätsstiftend, damit wird man sofort erkannt“
  • WELT: „Menschen wollen wissen, wie Deutschland seine Identität bewahrt.“

Melanie Schmitz von den Identitären in Halle sagt:

  • „Jedes Volk hat ein Recht auf Identität. Melanie kämpft für unseres. Wann wirst du aktiv?“

Wo ist die Grenze zwischen den Beiden. Es gibt keine Grenze. Wer Streben nach „Identität“ kritiklos positiv besetzt, nimmt auch die hässlichen Auswirkungen in Kauf.

Wer das nicht will, der muss dicke Bretter bohren und seine eigene Sozialisierung hinterfragen:

Der Strukturlosigkeit des Begriffs war nur ein einziger fester Kern mitgegeben: die Abgrenzung vom Nicht-Identischen, in welcher Bestimmung auch immer, und insofern ist er im Kern auf Konflikt hin angelegt. Im Fall des kollektiven Konflikts verflüchtigt sich jedoch die situative Vagheit subjektiver Balancen und muß mit der beinharten Notwendigkeit des Sozialen durch objektivierende Kriterien der Inklusion und Exklusion ersetzt werden.
Im Zuge der Steigerung einer Konfliktdynamik werden sich dabei nur Letztbegründungen bewähren, die es im Bereich von Geschichte und Gesellschaft nicht gibt und für die deshalb auf Glaubensüberlieferungen oder scheinbar natürliche Gegebenheiten, grob gesprochen: auf Religion und Rasse, zurückgegriffen werden muß. Insofern ist kollektiver Identität die Tendenz zum Fundamentalismus und zur Gewalt inhärent.

consciousness & yoga

Anil Seth singt das bekannte Lied des Konstruktivismus, verweist darauf, wie unser Gehirn/Bewusstsein/wer-auch-immer uns einen kruden Mix aus Sinneswahrnehmung und unbewusster Interpretation durch Vorerfahrung als „Wirklichkeit“ anbietet. Soweit, so Watzlawick.
Was für mich inspirierend war: ICH bin keine alleinige Funktion des Gehirns sondern ICH bin aufs Engste mit meiner Lebendigkeit, mit meinem Körper verknüpft. Und hier wird deutlich, wohin die Reise geht, wenn ich Yoga betreibe oder eine andere Technik um hinter das Affengeschnatter zu schauen, wenn ich auf das lausche, was bleibt in der Stille. Wäre mein Bewusstsein eine reine Funktion des Gehirns, dann wäre da für den Atheisten rein gar nichts ohne das Affengeschnatter. Aber so wird klar, dass es um eine Spurensuche nach der eigenen Lebendigkeit auf einem präkulturellem Niveau geht:

Tetralemma bei Lidl

colaDie aktuelle Lidl-Werbung zeigt sehr schön, worum es beim Tetralemma geht: Das Hinterfragen, das Transzendieren der Entweder-Oder-Frage. Wenn Lidl meint, ich müsse mich zwischen zwei Colasorten entscheiden, wird sofort klar, dass die Entscheidungssituation fragwürdig ist. Wenn jemand aber meint, er müsse sich zwischen Job Aushalten oder Kündigen entscheiden, zwischen Bleiben oder Gehen, zwischen Revoltieren oder Erdulden – dann wird die Sache komplizierter. Wenn der Fragesteller gefangen ist in der Absolutheit der Alternative, dann kann das Tetralemma helfen, die Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Noch mehr zum Tetralemma gibt es hier und hier.

Konstruktivismus erleben

So ein Zitat von Dōgen Zenji:

„To study the Way is to study the self. To study the self is to forget the self. To forget the self is to be actualized by myriad things. When actualized by myriad things, your body and mind as well as the bodies and minds of others drop away. No trace of enlightenment remains, and this no-trace continues endlessly.“

Für mich bedeutet das, die Konstruiertheit von allerlei Wirklichkeiten 2. Ordnung zu erleben. Meditation als erlebte/gefühlte Dekonstruktion.

Bürokratie, Gewalt und Dummheit

Im freitag 19/2016 wird ein Buch über Bürokratie von David Graeber besprochen. Über Gewalt sagt Graeber:

Gewalt ist eine einzigartige menschliche Handlung. Man kann damit auf eine andere Person einwirken, ohne dass man das Geringste über sie zu wissen braucht. Zum Beispiel, wenn man sagt: „Wenn du diese Linie überquerst, dann erschieße ich dich!“ In jeder anderen Situation, in der man auf das Verhalten anderer einwirken will, muss man diese anderen zuerst verstehen. Wenn ich aber Waffen habe, und du hast keine, brauche ich über die Situation gar nicht nachzudenken. Überall herrscht strukturelle Gewalt vor, die immer mit struktureller Ungleichheit einhergeht. Wenn man eine andere Person verstehen will, muss man sich bis zu einem gewissen Grad mit ihr identifizieren – das ist auch eine Art, diese andere Person wichtig zu nehmen. Wenn ich aber eine Waffe habe und der andere nicht, muss sich der Bedrohte die ganze Zeit in mich hineinversetzen. So kommt es, dass alle mich dann sehr wichtig nehmen – ohne dass ich sie wichtig nehmen müsste.

Diese Assymetrie hat Folgen:

[…] Es geht im Wesentlichen darum, dass Menschen in einer schwächeren Position, also Machtlose, einen tieferen Einblick in andere haben. Um mit den Mächtigeren überhaupt kommunizieren zu können, müssen sie sich ständig in sie hineinversetzen. Ich wollte das von der anderen Seite her verstehen: Mächtige Menschen müssen sich nicht in andere hineinversetzen und werden dabei also dümmer. In jedweder Situation von systemischer Ungleichheit ist das so.

Gartsig ausgedrückt: Empathie als Überlebensstrategie der Unterdrückten. Diese Sichtweise ist sehr erhellend. Aus aktuellem Anlass hilft sie mir verstehen, was passiert, wenn eine Stadtverwaltung in „ihrer“ Stadt etwas verändert.