Archiv der Kategorie: Gedöns

NRW ist der neue Osten

Die Welt stellt fest: „Nordrhein-Westfalen ist Deutschlands Bremsklotz“ Es geht um allerlei geschlossene Großbetriebe in Bergbau und Autoindustrie, um hohe Arbeitslosigkeit und geringe Produktivität, darum, dass die Industrie in NRW eine immer geringere Rolle spielt.

Hört sich total vertraut an. Damals als der Osten deindustrialisiert wurde, war das Wirtschaftssystem Schuld. Eine solche Analyse kann der Welt natürlich nicht gelingen, wenn ein kapitalistisches Zentrum ins Taumeln gerät.

Aber mir kamen die Forces of Labour in den Sinn, wo Beverly J. Silver sehr schön erklärt, wie das Kapital in langen Zeiträumen über den Globus wandert. Hört sich schlüssiger an als die Analysen in der Welt, die Rot-Grün und Hannelore Kraft verantwortlich machen.

 

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Flow with life

So ein Video von John Scott:

Was mir durch den Kopf ging, war der Aktionismus, geradezu Revolutionismus vieler junger Menschen, die die Welt retten wollen, die 10 Jahre später resignieren und in Man-kann-ja-doch-nichts-ändern verfallen. Oder die Sitzkissenerleuchteten. John Scotts „Flow with Life“ kann der dritte Weg sein, jenseits von Nichtstun und Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand.

Connectedness und Nachhaltigkeit

connectednessDie Autoren des Sammelbandes Connectedness von Gerald Hüther und Christa Spannbauer werden nicht müde auf immer neue Weise herauszuarbeiten, wie wir Menschen auf vielfältigste Weise miteinander und allem verbunden sind. Eine Sammlung ganz brauchbarer Predigten gegen den IndividualisMUS, voll von Zitaten wie diesem:

Wir glauben nur zu gern, dass das Ich ewig und unveränderlich besteht. «Ich bin der Ich-bin», sagt im Alten Testament Gott von sich selbst. Nicht erst in der Neuzeit fingen die Menschen an, selbst solch ein Ich-Gott sein zu wollen. Doch dieses Ich ist leer, wie die erste Lehraussage des Buddha besagt: Der Ich-Gedanke ist eine Illusion. Wir denken diesen Gedanken in einer Sprache, die zwar unsere Muttersprache ist, die wir aber nicht selbst geschaffen haben. Wir sind verkörpert in einem Leib, der zusammengesetzt ist aus transformierten Pflanzen und Tieren, der kaum fünf Minuten ohne Luft auskommt, nicht lange ohne Wasser und der in seinem Lebensumfeld völlig abhängig ist von anderen Menschen und der Natur. Wir bauen unser Ich als Idee ebenso aus dem Material von Gedanken auf, die wir in der Sprache und den Medien von anderen übernehmen, wie wir unseren Körper aus anderen Lebewesen aufbauen und mit den Produkten von anderen Menschen, wie Kleidung, Häuser, Autos und so weiter, umgeben. All das nennen wir «mein» – obwohl es doch nur Ausdruck unserer völligen Abhängigkeit von anderen und von der Natur ist. Genau betrachtet ist also der Gedanke «Ich bin» ein völlig unsinniger Gedanke. Und der Satz von René Descartes cogito ergo sum – «Ich denke, also bin ich» besagt eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was gewöhnlich damit verbunden wird. Ich denke in einer Sprache, die ich nicht geschaffen habe, in Bildern, die von außen kommen, habe Gefühle, die ich in meinem aus fremden Lebewesen aufgebauten Körper empfinde. Also bin ich all dies, wovon ich abhänge. Ich denke, also bin ich kein getrenntes Ich, sondern ein vielfältiger, von vielem abhängiger Prozess. (Karl-Heinz Brodbeck – Von der Geldgier zum Wachstum an Verbundenheit)

Und vor diesem Hintergrund erscheint nachhaltiges Handeln, Bewahrung der Schöpfung oder wie immer man es nennen mag nicht mehr als moralinsaures Gebot.

Mein Ein und Alles?

Gesa Meyer betreibt Kritik der Mononormativität. Sie klärt, wie das mit der romantischen Liebe ist/gekommen ist:

  • Romantik ist ein Gegenentwurf zu Aufklärung und Industrialisierung.
  • Romantische Liebe war Anfangs Rebellion und bedeutete Aufwertung der Frau.
  • Sie dient(e) als Gottesersatz.
  • Historisch betrachtet – und ganz grob zusammengefasst – vollzog sich die Verkoppelung des Dreiklangs von christlicher Ehe, Sexualität und Liebe hierzulande erst ab Ende des 18. Jahrhunderts mit dem aufkommenden Ideal romantischer Liebe und der Durchsetzung der bürgerlich-patriarchalen Kernfamilie als klassenübergreifendes Normalmodell.
  • Die romantische Liebe ist gekennzeichnet durch:
    • Individualismus (jemanden um seiner selbst willen lieben)
    • Komplementarität (gegenseitiges Ergänzen)
    • Höchstrelevanz des Paares

Was ich mich frage: Ist der Revolutionär, der Diener der Sache genau so ein unaufgeklärter Romantiker wie der romantisch Liebende. Das Begehren nach dem 7. Himmel der Zweisamkeit und das Erträumen der revolutionären Utopie zwei Erscheinungsformen desselben Begehrens.

Mitschrift

Deutschland als Konstrukt

Bei mir um die Ecke gibt es so einen Spruch:deutschlandNa ja, man müsste einfach das Wort krank streichen. Dann wird diese Sichtweise ganz nützlich. Nation als so ein Dingens, das existiert, weil hinreichend viele dran glauben. So wie der Weihnachtsmann oder der liebe Gott. Und dann kann man sich hinsetzen und fragen: Wofür ist es gut, Deutschland zu denken und wo schadet es wem. Aber mit dem Attribut „krank“ erhebt sich der Autor über denjenigen, der Deutschland denkt und stellt ihn in die kranke Ecke und hebt sich selbst aufs gesunde Podest.

Grenzgang und Individualismus

Mit jemandem, der über Volksfrömmigkeit forscht, geschwatzt: Die Leute sind damals zeremoniell die GRENZE ihrer Gemarkung abgelaufen. Schwelle und Fenster als wichtige GRENZEN des Hauses. Vielleicht sind das Puzzlestücke in unserer Denkkultur? Diese Kultur kennt das Wort Umwelt. Ich bin ein von der Gesellschaft verschiedenes Individuum. Getrenntes, Vereinzeltes. Ganz anders die andine Denkkultur: Dort ist die Welt ein Gewusel von Relationen und wir Menschen und die anderen Dinge sind Schnittpunkte in diesem Relationsgeflecht. Die Vorstellung von UMwelt unmöglich.

Connectedness

Da, wo ich gerade unterwegs bin, bilden sich ständig „Gruppen“ und vergehen, ohne dass die beteiligten Leute zu Feinden werden.
Zum einen kommt mir das alte „ORGANIZE!“ in den Sinn:

organize

Aber diese Organisierten haben nur noch ein Ziel im Sinn – den Feind. Wird die Utopie auf Übermorgen verschoben, bleibt nur Kampf.
Zum anderen  ein Text von Katharina Ceming „Von Weltenbürgern, Gotteskindern und Buddhakeimlingen“ aus dem Sammelband Connectedness, in dem es heißt:

Die Betonung einer gemeinsamen und verbindenden Größe, die das menschliche Dasein wesenhaft bestimmt und letztlich lebenswerter macht, […] beginnt sich in unserer Zeit langsam dort gesellschaftlich zu etablieren, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Solange Menschen ums nackte Überleben kämpfen müssen oder unter einem despotischen Regime leben, was in beiden Fällen die Entfaltung der menschlichen Entwicklung nicht nur verhindert, sondern aktiv unterdrückt, ist eine gesamtgesellschaftliche Weiterentwicklung, die von der universellen Verbundenheit aller ausgeht und den Anforderungen einer globalen Welt gerecht wird, kaum zu erwarten.
[…] Die neue Form der Verbundenheit, welche die Welt heute benötigt, erwächst aus der Akzeptanz einer Individualität, die sich mit anderen auf einer tieferen und umfassenderen Ebene wesenhaft verbunden weiß. Diese Einsicht wird heute zunehmend von vielen einzelnen Menschen und einer Vielzahl von kleineren Gruppierungen getragen, die sich nicht mehr, wie wir es aus der Geschichte der Religionen kennen, zu großen Organisationen verbinden, sondern an den verschiedenen Orten ihre Vision zu verwirklichen beginnen. Die Zukunft der Spiritualität scheint eine transkonfessionelle zu sein. Sie hat die keimhaft im Menschen angelegte Fähigkeit, nicht nur das eigene Ich im Blick zu haben, sondern im Gegenüber einen Teil dieses eigenen Seins wiederzuerkennen und zu schätzen, ohne sich in dogmatischen Problemen zu verlieren, zum Gegenstand der Bemühung. Wagen wir es, nicht nur weise, wie Kant es forderte, sondern auch wahrhaft universelle Liebende zu sein.

Vielleicht ist es genau dieser Prozess in dem ich, in dem wir gerade stecken: die Suche nach dem neuen Wir – jenseits der Einsamkeit von Individualismus und der Umklammerung von Kollektivismus.
Na ja, aber selbst diese Suche ist schon was älter, wie Nazim Hikmets Waderhit „Leben einzeln und frei“ beweist.