Archiv der Kategorie: Gedöns

Dieter Duhm & ClintonTrump

Dieter Duhm analysiert sehr schön schlüssig die Pest- & Choleraalternativen der amerikanischen Präsidentschaftswahl:

Beide haben der bestehenden Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten. Die eine vertrat das Establishment, der andere vertrat die wütende Volksseele gegen das Establishment. Die Wut hat gewonnen. Beide aber vertraten genau dasselbe System, nur von verschiedenen Seiten.

Aber dann denkt er weiter:

Das Leben auf der Erde braucht eine andere Lebensordnung mit einem anderen Bild von Führung und Einheit.

Und mir fällt der Slogan der alten Grünen ein: „Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur!“

Er hat ein Bild davon, wie es sein müsste, was passieren muss:

Da müssen wir hinkommen, denn sonst geben wir uns mit Ersatzlösungen zufrieden, die regelmäßig zur Katastrophe führen. Wir Menschen haben eine lange Zeit mit diesen Ersatzlösungen gearbeitet, haben ideologische, politische, religiöse, moralische Systeme entworfen, welche uns ein erfülltes Leben sichern sollten – und stehen jetzt am kollektiven Abgrund. Das Zeitalter der Ersatzlösungen ist vorbei. Der Faschismus war eine Ersatzlösung, der Kapitalismus war eine Ersatzlösung, die Gedanken von Macht und Gefolgschaft, von Autokratie oder Demokratie waren eine Ersatzlösung, die katholische Kirche war eine Ersatzlösung, die mystischen Wege bis zum Nirwana waren eine Ersatzlösung. Das auserwählte Volk, alle kleinen oder großen Imperien, alle Götter waren eine Ersatzlösung – und es war auch eine Ersatzlösung, als wir anfingen, auf alle Götter zu verzichten und einen materialistischen Nihilismus zu lehren. Wir brauchen heute eine andere Lösung auf einer anderen menschlichen, zwischenmenschlichen, ethischen und spirituellen Grundlage. Wir brauchen die Lösung auf der Ebene der Wahrheit zwischen realen Menschen …

Nur blöd, dass alle Ersatzlösungen, die Duhm aufzählt nicht für Ersatzlösungen gehalten wurden, sondern jeweils für der Weisheit letzten Schluss. All die Ersatzlöser wussten genau, wie es sein soll und bezogen sich auf ihren aktuellen Erkenntnisstand.

Ich kann an Duhms Text nicht erkennen, dass er erkenntnistheoretisch kategorial anders da steht wie irgendein Weltrettungsplaner vor ihm. Wenn ich will, dass die Menschen auf eine bestimmte Art miteinander umgehen, dann kann/muss ich mich dafür einsetzen. Aber ich sehe keine Chance für ein von mir unabhängiges Sollen auf das ich mich stützen kann.

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Stromatolithen und Großstädte

Es gibt Stromatolithen – so ein komplexes Gewusel aus Mikroorganismen, die Biofilme bilden. Es gibt Regenwälder und Korallenriffe – so komplexe Gewusel aus unterschiedlichsten Lebewesen. Und es gibt Großstädte – so komplexe Zusammenballungen unterschiedlichster Menschen. Was sind Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser fragilen Strukturen?

NRW ist der neue Osten

Die Welt stellt fest: „Nordrhein-Westfalen ist Deutschlands Bremsklotz“ Es geht um allerlei geschlossene Großbetriebe in Bergbau und Autoindustrie, um hohe Arbeitslosigkeit und geringe Produktivität, darum, dass die Industrie in NRW eine immer geringere Rolle spielt.

Hört sich total vertraut an. Damals als der Osten deindustrialisiert wurde, war das Wirtschaftssystem Schuld. Eine solche Analyse kann der Welt natürlich nicht gelingen, wenn ein kapitalistisches Zentrum ins Taumeln gerät.

Aber mir kamen die Forces of Labour in den Sinn, wo Beverly J. Silver sehr schön erklärt, wie das Kapital in langen Zeiträumen über den Globus wandert. Hört sich schlüssiger an als die Analysen in der Welt, die Rot-Grün und Hannelore Kraft verantwortlich machen.

 

Flow with life

So ein Video von John Scott:

Was mir durch den Kopf ging, war der Aktionismus, geradezu Revolutionismus vieler junger Menschen, die die Welt retten wollen, die 10 Jahre später resignieren und in Man-kann-ja-doch-nichts-ändern verfallen. Oder die Sitzkissenerleuchteten. John Scotts „Flow with Life“ kann der dritte Weg sein, jenseits von Nichtstun und Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand.

Connectedness und Nachhaltigkeit

connectednessDie Autoren des Sammelbandes Connectedness von Gerald Hüther und Christa Spannbauer werden nicht müde auf immer neue Weise herauszuarbeiten, wie wir Menschen auf vielfältigste Weise miteinander und allem verbunden sind. Eine Sammlung ganz brauchbarer Predigten gegen den IndividualisMUS, voll von Zitaten wie diesem:

Wir glauben nur zu gern, dass das Ich ewig und unveränderlich besteht. «Ich bin der Ich-bin», sagt im Alten Testament Gott von sich selbst. Nicht erst in der Neuzeit fingen die Menschen an, selbst solch ein Ich-Gott sein zu wollen. Doch dieses Ich ist leer, wie die erste Lehraussage des Buddha besagt: Der Ich-Gedanke ist eine Illusion. Wir denken diesen Gedanken in einer Sprache, die zwar unsere Muttersprache ist, die wir aber nicht selbst geschaffen haben. Wir sind verkörpert in einem Leib, der zusammengesetzt ist aus transformierten Pflanzen und Tieren, der kaum fünf Minuten ohne Luft auskommt, nicht lange ohne Wasser und der in seinem Lebensumfeld völlig abhängig ist von anderen Menschen und der Natur. Wir bauen unser Ich als Idee ebenso aus dem Material von Gedanken auf, die wir in der Sprache und den Medien von anderen übernehmen, wie wir unseren Körper aus anderen Lebewesen aufbauen und mit den Produkten von anderen Menschen, wie Kleidung, Häuser, Autos und so weiter, umgeben. All das nennen wir «mein» – obwohl es doch nur Ausdruck unserer völligen Abhängigkeit von anderen und von der Natur ist. Genau betrachtet ist also der Gedanke «Ich bin» ein völlig unsinniger Gedanke. Und der Satz von René Descartes cogito ergo sum – «Ich denke, also bin ich» besagt eigentlich das genaue Gegenteil von dem, was gewöhnlich damit verbunden wird. Ich denke in einer Sprache, die ich nicht geschaffen habe, in Bildern, die von außen kommen, habe Gefühle, die ich in meinem aus fremden Lebewesen aufgebauten Körper empfinde. Also bin ich all dies, wovon ich abhänge. Ich denke, also bin ich kein getrenntes Ich, sondern ein vielfältiger, von vielem abhängiger Prozess. (Karl-Heinz Brodbeck – Von der Geldgier zum Wachstum an Verbundenheit)

Und vor diesem Hintergrund erscheint nachhaltiges Handeln, Bewahrung der Schöpfung oder wie immer man es nennen mag nicht mehr als moralinsaures Gebot.

Mein Ein und Alles?

Gesa Meyer betreibt Kritik der Mononormativität. Sie klärt, wie das mit der romantischen Liebe ist/gekommen ist:

  • Romantik ist ein Gegenentwurf zu Aufklärung und Industrialisierung.
  • Romantische Liebe war Anfangs Rebellion und bedeutete Aufwertung der Frau.
  • Sie dient(e) als Gottesersatz.
  • Historisch betrachtet – und ganz grob zusammengefasst – vollzog sich die Verkoppelung des Dreiklangs von christlicher Ehe, Sexualität und Liebe hierzulande erst ab Ende des 18. Jahrhunderts mit dem aufkommenden Ideal romantischer Liebe und der Durchsetzung der bürgerlich-patriarchalen Kernfamilie als klassenübergreifendes Normalmodell.
  • Die romantische Liebe ist gekennzeichnet durch:
    • Individualismus (jemanden um seiner selbst willen lieben)
    • Komplementarität (gegenseitiges Ergänzen)
    • Höchstrelevanz des Paares

Was ich mich frage: Ist der Revolutionär, der Diener der Sache genau so ein unaufgeklärter Romantiker wie der romantisch Liebende. Das Begehren nach dem 7. Himmel der Zweisamkeit und das Erträumen der revolutionären Utopie zwei Erscheinungsformen desselben Begehrens.

Mitschrift

Deutschland als Konstrukt

Bei mir um die Ecke gibt es so einen Spruch:deutschlandNa ja, man müsste einfach das Wort krank streichen. Dann wird diese Sichtweise ganz nützlich. Nation als so ein Dingens, das existiert, weil hinreichend viele dran glauben. So wie der Weihnachtsmann oder der liebe Gott. Und dann kann man sich hinsetzen und fragen: Wofür ist es gut, Deutschland zu denken und wo schadet es wem. Aber mit dem Attribut „krank“ erhebt sich der Autor über denjenigen, der Deutschland denkt und stellt ihn in die kranke Ecke und hebt sich selbst aufs gesunde Podest.