Schicksal 2.0

Früher hat uns Gott geleitet. Dämonen, Engel oder Teufel hatten ihre Hand im Spiel. Karma, Schicksal, Vorsehung,…

Heute ist das anders. Da ist es die schwere Kindheit oder die zu behütete. Die armen oder reichen Eltern. Die zu vielen oder zu wenigen Geschwister. Die Gene. Die Wende. Die transgenerationalen Traumata…

Oder wie es Enzensberger 1993 formulierte:

Die neuen Vormünder nehmen in ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit den Verirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab. Schuld ist nie der Täter, immer die Umgebung: das Elternhaus, die Gesellschaft, der Konsum, die Medien, die schlechten Vorbilder. Jedem Totschläger wird gewissermaßen ein Multiple-Choice-Fragebogen ausgehändigt, den er, zu seinem eigenen Besten, auszufüllen hat: Mama wollte mich nicht; ich hatte allzu autoritäre / allzu antiautoritäre Lehrer; Papa kam besoffen / nie nach Hause; die Bank hat mir zu viel Kredit gegeben / mein Konto gesperrt; ich wurde als Kind / Schüler / Lehrling / Angestellter verwöhnt / zurückgesetzt; meine Eltern haben sich zu früh / zu spät scheiden lassen; es gab in meiner Umgebung keine ausreichenden / zu viele Freizeitangebote. Deswegen ist mir nichts anderes übrig geblieben, als eine Brandstiftung / einen Raub / ein Attentat / einen Mord zu begehen (Zutreffendes bitte ankreuzen).
Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt Main, 1993, S.37

Plenzdorf

Plenzdorf

Bei Radio Corax auf ein Zitat von Ulrich Plenzdorf gestoßen. Walter Böhme zitiert aus Beatrice von Weizsäckers Buch „Die Unvollendete – Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit“ von 2010:

Im Oktober 1990 folgte der Beitritt, und vorbei war es mit dem Interesse an östlichen Andersdenkenden. Das aufgestoßene Fenster war wieder zu, der aufrechte Gang gebrochen. […] »Der Mut und die Lust, mitzusprechen in der verei­nigten Demokratie, ist denen im Osten rasch wieder aus­getrieben worden«, brachte es Gunter Hofmann von der Zeit später treffend auf den Punkt. Christa Wolf beispielsweise habe sich »von den Belehrungen aus dem Westen bis heute nicht recht erholt«. Christa Wolf war vielleicht die Bekannteste, der es so ging, aber bei weitem nicht die Einzige.
[…] Schriftsteller hatten keine Lektoren mehr und schon gar keine Kritiker. Selbst Autoren wie Ulrich Plenzdorf, der zur Zeit der Teilung im Westen noch als Kronzeuge des östlichen Aufbegehrens gefeiert worden war, resig­nierten bald. Plenzdorfs westdeutscher Verlag verlor das Interesse an ihm, später lehnte auch das Femsehen seine Drehbücher immer wieder ab. »Ich habe die Auseinan­dersetzung über die Deutungshoheit östlicher Schicksale glatt verloren«, sagte er 2003, wenige Jahre vor seinem Tod, verbittert in einem Interview.
Der gesamten DDR-Kunst sei vorgeworfen worden, sie habe dem Staat gedient und das Unrechtsregime un­terstützt, resümiert die Publizistin Dahn in ihrem Buch »Wehe dem Sieger!« – »ob Malerei, Literatur, Film oder Theater«. Wie weit die Verachtung alles Östlichen ging, beschreibt sie an einem Beispiel, das im Westen kaum bekannt ist. Eine halbe Million druckfrischer Bücher wurden »an der Peripherie der Bücherstadt Leipzig auf Müllkippen entsorgt« – Klassiker, Werke antifaschis­tischer Exilanten, wissenschaftliche Literatur, Bildbände, sogar Noten von Bach. Sie alle wurden »zu Abfall degra­diert«, nur weil sie in der DDR gedruckt worden waren. Es war der westdeutsche Pfarrer Martin Weskott, der dies entdeckte und einen Großteil der Bücher rettete.“ (S.48-50)

Passt gut zu Auslöschung der DDR.

Bildquelle: Wikimedia Commons

Auslöschung der DDR

Thilo Mischke fragt: „Warum ist die DDR so scheiße in Filmen und Serien?“

Bei Christa Wolf in Stadt der Engel findet sich eine Antwort:

Bill arbeitete über die Geschichte des Katholizismus in Spanien und Frankreich und rechnete mir die Tausende von Menschenopfern vor, welche die verschiedenen Christianisierungsschübe in diesen Ländern gefordert hatten. Bei jeder Kolonisierung, sagte er, sei es das erste, die Religion, den Glauben der Unterworfenen auszurotten, um ihnen ihre Identität zu nehmen. Außerdem, das höre sich vielleicht unglaubhaft an, hätten die Eroberer aus einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex heraus das dringende Bedürfnis, nicht nur ihre Waffen, nicht nur ihre Waren, auch ihre Glaubens- und Gedankenwelt als die überlegene zu behaupten. Das weiß ich doch, hatte ich gesagt, und Bill, der Engländer, hatte mich prüfend angesehen: Ihr erfahrt das gerade, wie? Er hatte nicht auf einer Antwort bestanden.

Und ja, ich weiß um die Kritik am Identitätsbegriff. Aber Adorno und Nachfahren wurden bei der Auflösung der DDR nicht gefragt. Vielleicht sind wir Zonis, wenn wir uns nicht gerade in Yoga oder Kritische Theorie geflüchtet haben, so schräg drauf, weil wir Kolonisierte sind – unseres Glaubens, unserer Religion beraubt, mit einer neuen Geschichte versehen, die von den Eroberern geschrieben wurde. Heimatlose Zombies.

Rassistische Traditionen im Osten

Rassisten und Anti-Semiten waren Teil einer sozialen Realität, die ich als Bestandteil der dunklen Seite der DDR bezeichnen möchte und sie bildeten die Kerne einer ansonsten amorph strukturierten reaktionären Masse, die den sozialen und politischen Verhältnissen kritisch gegenüberstand. […]
Durch die vorgelegten historischen Beweise eines speziellen und wirkungsmächtigen Rassismus in der DDR wird klar, dass die gegenwärtige Situation wesentlich auch der Tatsache einer rassistischen Kontinuität geschuldet ist. Es braucht also den historischen Blick und die historische Analyse um zu verstehen, vor welchen Gefahren wir jetzt stehen. Erst mit dem wissenschaftlichen Verständnis für die Komplexität des Geschehens, lässt sich begreifen, wie diese nationalistischen Explosionen der Gewalt seit mehr als zwei Jahrzehnten angelegt sind und wie es möglich wurde, dass weder der deutsche Staat noch seine Gesellschaft in der Lage sind, die rassistische Dynamik einzudämmen. aus: Leseprobe „Der gescheiterte Antifaschismus in der DDR“

Der Historiker Harry Waibel durchforstet die Stasiakten und fand heraus, dass rassistische Progrome Tradition haben im Osten. Seit dem Aufkommen der Vertragsarbeiter in den 1970ern bis zum Ende der DDR gab es 200 progromartige Zwischenfälle mit mindestens 10 Toten:

Und die Leute, die damals die Kubaner und Algerier gejagt haben, waren keine besorgten Bürger, die Angst vor Überfremdung oder Angst um ihren Arbeitsplatz hatten.

Träumen vom Kommunismus

Ein altes Wendebuch von 1993: Was von den Träumen blieb. Heiner Müller grollt ins Vorwort:

Ein Kadaver kann dem Obduktionsbefund nicht widersprechen. Der historische Blick auf die DDR ist von einer moralischen Sichtblende verstellt, die gebraucht wird, um Lücken der eignen »moralischen Totalität« zu schließen. Die Funktion der Medien in diesem Verdrängungsprozeß bestimmt sich aus dem Systemzwang, die Probleme der Zentren an die Peripherie zu delegieren …

Auf den toten Gegner kann man jedes Feindbild projizieren, das vom Blick in den Spiegel abhält.

Zum Titel: Menschen, denen das Träumen verwehrt wird, haben keine andere Heimat als den Wahnsinn. Die Schreckensfrage des nächsten Jahrhunderts lautet: Was spricht gegen ihn? Von der zu findenden Antwort auf diese Frage hängt das Überleben der Menschheit ab. Ich bin nicht mehr sicher, dass der Kommunismus, wie mein Vater mir Achtjährigem aus dem Buch eines indischen Philosophen vorlas, das Schicksal der Menschheit ist, aber er bleibt ein Menschheitstraum, an dessen Erfüllung eine Generation nach der anderen arbeiten wird bis zum Untergang unserer Welt.

Tiefenökologie im Liedgut der DDR?

Letztens gab es so einen Liederabend „Weltall-Erde-Mensch-wie-stolz-das-klingt“ im Neuen Theater. So alte Lieder wurden gesungen, rezitiert, verfremdet. Oder sie wurden auch in einander verwoben – etwa „Sag mir wo du stehst“ und „Du entschuldige i kenn di.“ Na ja, auf jeden Fall eine Veranstaltung, die nur für eine Altersklasse Sinn macht, die 1990 schon bei Bewusstsein war. War deutlich am Publikum zu merken – die Jüngeren hörten unverständlichen Klamauk – für mich war es eine hochintelligente Klangcollage meiner Herkunft.

Und da gab es eben drei Lieder, die von einer tiefen Verbundenheit mit allem Seienden sangen:

Mir ist so ein Hermann-Kant-Satz im Kopf, den ich nicht belegen kann: Das Beste an der DDR war die Utopie von ihr.