Archiv der Kategorie: Buch

Plenzdorf

Plenzdorf

Bei Radio Corax auf ein Zitat von Ulrich Plenzdorf gestoßen. Walter Böhme zitiert aus Beatrice von Weizsäckers Buch „Die Unvollendete – Deutschland zwischen Einheit und Zweiheit“ von 2010:

Im Oktober 1990 folgte der Beitritt, und vorbei war es mit dem Interesse an östlichen Andersdenkenden. Das aufgestoßene Fenster war wieder zu, der aufrechte Gang gebrochen. […] »Der Mut und die Lust, mitzusprechen in der verei­nigten Demokratie, ist denen im Osten rasch wieder aus­getrieben worden«, brachte es Gunter Hofmann von der Zeit später treffend auf den Punkt. Christa Wolf beispielsweise habe sich »von den Belehrungen aus dem Westen bis heute nicht recht erholt«. Christa Wolf war vielleicht die Bekannteste, der es so ging, aber bei weitem nicht die Einzige.
[…] Schriftsteller hatten keine Lektoren mehr und schon gar keine Kritiker. Selbst Autoren wie Ulrich Plenzdorf, der zur Zeit der Teilung im Westen noch als Kronzeuge des östlichen Aufbegehrens gefeiert worden war, resig­nierten bald. Plenzdorfs westdeutscher Verlag verlor das Interesse an ihm, später lehnte auch das Femsehen seine Drehbücher immer wieder ab. »Ich habe die Auseinan­dersetzung über die Deutungshoheit östlicher Schicksale glatt verloren«, sagte er 2003, wenige Jahre vor seinem Tod, verbittert in einem Interview.
Der gesamten DDR-Kunst sei vorgeworfen worden, sie habe dem Staat gedient und das Unrechtsregime un­terstützt, resümiert die Publizistin Dahn in ihrem Buch »Wehe dem Sieger!« – »ob Malerei, Literatur, Film oder Theater«. Wie weit die Verachtung alles Östlichen ging, beschreibt sie an einem Beispiel, das im Westen kaum bekannt ist. Eine halbe Million druckfrischer Bücher wurden »an der Peripherie der Bücherstadt Leipzig auf Müllkippen entsorgt« – Klassiker, Werke antifaschis­tischer Exilanten, wissenschaftliche Literatur, Bildbände, sogar Noten von Bach. Sie alle wurden »zu Abfall degra­diert«, nur weil sie in der DDR gedruckt worden waren. Es war der westdeutsche Pfarrer Martin Weskott, der dies entdeckte und einen Großteil der Bücher rettete.“ (S.48-50)

Passt gut zu Auslöschung der DDR.

Bildquelle: Wikimedia Commons

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Auslöschung der DDR

Thilo Mischke fragt: „Warum ist die DDR so scheiße in Filmen und Serien?“

Bei Christa Wolf in Stadt der Engel findet sich eine Antwort:

Bill arbeitete über die Geschichte des Katholizismus in Spanien und Frankreich und rechnete mir die Tausende von Menschenopfern vor, welche die verschiedenen Christianisierungsschübe in diesen Ländern gefordert hatten. Bei jeder Kolonisierung, sagte er, sei es das erste, die Religion, den Glauben der Unterworfenen auszurotten, um ihnen ihre Identität zu nehmen. Außerdem, das höre sich vielleicht unglaubhaft an, hätten die Eroberer aus einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex heraus das dringende Bedürfnis, nicht nur ihre Waffen, nicht nur ihre Waren, auch ihre Glaubens- und Gedankenwelt als die überlegene zu behaupten. Das weiß ich doch, hatte ich gesagt, und Bill, der Engländer, hatte mich prüfend angesehen: Ihr erfahrt das gerade, wie? Er hatte nicht auf einer Antwort bestanden.

Und ja, ich weiß um die Kritik am Identitätsbegriff. Aber Adorno und Nachfahren wurden bei der Auflösung der DDR nicht gefragt. Vielleicht sind wir Zonis, wenn wir uns nicht gerade in Yoga oder Kritische Theorie geflüchtet haben, so schräg drauf, weil wir Kolonisierte sind – unseres Glaubens, unserer Religion beraubt, mit einer neuen Geschichte versehen, die von den Eroberern geschrieben wurde. Heimatlose Zombies.

Bürokratie, Gewalt und Dummheit

Im freitag 19/2016 wird ein Buch über Bürokratie von David Graeber besprochen. Über Gewalt sagt Graeber:

Gewalt ist eine einzigartige menschliche Handlung. Man kann damit auf eine andere Person einwirken, ohne dass man das Geringste über sie zu wissen braucht. Zum Beispiel, wenn man sagt: „Wenn du diese Linie überquerst, dann erschieße ich dich!“ In jeder anderen Situation, in der man auf das Verhalten anderer einwirken will, muss man diese anderen zuerst verstehen. Wenn ich aber Waffen habe, und du hast keine, brauche ich über die Situation gar nicht nachzudenken. Überall herrscht strukturelle Gewalt vor, die immer mit struktureller Ungleichheit einhergeht. Wenn man eine andere Person verstehen will, muss man sich bis zu einem gewissen Grad mit ihr identifizieren – das ist auch eine Art, diese andere Person wichtig zu nehmen. Wenn ich aber eine Waffe habe und der andere nicht, muss sich der Bedrohte die ganze Zeit in mich hineinversetzen. So kommt es, dass alle mich dann sehr wichtig nehmen – ohne dass ich sie wichtig nehmen müsste.

Diese Assymetrie hat Folgen:

[…] Es geht im Wesentlichen darum, dass Menschen in einer schwächeren Position, also Machtlose, einen tieferen Einblick in andere haben. Um mit den Mächtigeren überhaupt kommunizieren zu können, müssen sie sich ständig in sie hineinversetzen. Ich wollte das von der anderen Seite her verstehen: Mächtige Menschen müssen sich nicht in andere hineinversetzen und werden dabei also dümmer. In jedweder Situation von systemischer Ungleichheit ist das so.

Gartsig ausgedrückt: Empathie als Überlebensstrategie der Unterdrückten. Diese Sichtweise ist sehr erhellend. Aus aktuellem Anlass hilft sie mir verstehen, was passiert, wenn eine Stadtverwaltung in „ihrer“ Stadt etwas verändert.

Robert Harrison – Gärten

Meine Jahreswechsellektüre: Robert HarrisonGärten – Ein Versuch über das Wesen des Menschen. Mir ist hängengeblieben:

  • Menschsein als ständiger Kultivierungsprozess. Eben wie ein Garten, der ohne sorgende Pflege verdorrt, verwildert, wieder zu Natur wird. Weder Natur, noch Acker eignen sich als Gleichnis für den Menschen.
  • Für Lehrers: „Ebenso wie der Gärtner Leben kultivieren, es aber nicht hervorbringen kann, vermag auch der Lehrer wahre Erkenntnis nicht zu erzeugen, sondern nur den Prozess zu begünstigen, durch den sie im Geist des Schülers geboren wird. „
  • Speziell für Ethiklehrers: Boccaccios bescheidene Ethik: Nicht Erlösung, sondern Helfen, den Alltag zu meistern.
  • Und überhaupt: Ein Gärtner hält nicht das Arbeitsethos hoch. Er verschreibt sich nicht der Sache der Mühe. Er verschreibt sich der Sache der Dinge, die er kultiviert.
  • Und natürlich noch etwas eurozentristische Schelte. Schon toll, wie Harrison mit Plato, Boccaccio und Capek oder Ahrendt jongliert, mit Bibel, Gilgameschepos und Koran. Aber für einen Versuch über das Wesen des Menschen fehlen natürlich wieder indigene Kulturtraditionen. Das Buch ist ein Versuch über das Wesen des westlichen Menschen.

Connectedness

Da, wo ich gerade unterwegs bin, bilden sich ständig „Gruppen“ und vergehen, ohne dass die beteiligten Leute zu Feinden werden.
Zum einen kommt mir das alte „ORGANIZE!“ in den Sinn:

organize

Aber diese Organisierten haben nur noch ein Ziel im Sinn – den Feind. Wird die Utopie auf Übermorgen verschoben, bleibt nur Kampf.
Zum anderen  ein Text von Katharina Ceming „Von Weltenbürgern, Gotteskindern und Buddhakeimlingen“ aus dem Sammelband Connectedness, in dem es heißt:

Die Betonung einer gemeinsamen und verbindenden Größe, die das menschliche Dasein wesenhaft bestimmt und letztlich lebenswerter macht, […] beginnt sich in unserer Zeit langsam dort gesellschaftlich zu etablieren, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Solange Menschen ums nackte Überleben kämpfen müssen oder unter einem despotischen Regime leben, was in beiden Fällen die Entfaltung der menschlichen Entwicklung nicht nur verhindert, sondern aktiv unterdrückt, ist eine gesamtgesellschaftliche Weiterentwicklung, die von der universellen Verbundenheit aller ausgeht und den Anforderungen einer globalen Welt gerecht wird, kaum zu erwarten.
[…] Die neue Form der Verbundenheit, welche die Welt heute benötigt, erwächst aus der Akzeptanz einer Individualität, die sich mit anderen auf einer tieferen und umfassenderen Ebene wesenhaft verbunden weiß. Diese Einsicht wird heute zunehmend von vielen einzelnen Menschen und einer Vielzahl von kleineren Gruppierungen getragen, die sich nicht mehr, wie wir es aus der Geschichte der Religionen kennen, zu großen Organisationen verbinden, sondern an den verschiedenen Orten ihre Vision zu verwirklichen beginnen. Die Zukunft der Spiritualität scheint eine transkonfessionelle zu sein. Sie hat die keimhaft im Menschen angelegte Fähigkeit, nicht nur das eigene Ich im Blick zu haben, sondern im Gegenüber einen Teil dieses eigenen Seins wiederzuerkennen und zu schätzen, ohne sich in dogmatischen Problemen zu verlieren, zum Gegenstand der Bemühung. Wagen wir es, nicht nur weise, wie Kant es forderte, sondern auch wahrhaft universelle Liebende zu sein.

Vielleicht ist es genau dieser Prozess in dem ich, in dem wir gerade stecken: die Suche nach dem neuen Wir – jenseits der Einsamkeit von Individualismus und der Umklammerung von Kollektivismus.
Na ja, aber selbst diese Suche ist schon was älter, wie Nazim Hikmets Waderhit „Leben einzeln und frei“ beweist.

Kleine Schifflein suchen ihren Weg

Werner Ruhoff in seinem Buch „Eine sozialistische Fantasie ist geblieben„:

All die selbstverwalteten Projekte, die sich mit massiven Hindernissen konfrontiert sehen, sind mit selbstgebauten Schiffen vergleichbar, deren Besatzungen nach neuen Ufern Ausschau halten. Die Hemmschwelle, sich den AbenteurerInnen anzuschließen, ist trotz der zunehmenden Ungemütlichkeit zu Hause sehr hoch. Die Ungewissheit des Erfolgs ist noch zu groß. Das Leben würde in neue Bezüge eingebettet und mit neuen Anstrengungen verbunden sein, die sich nicht in Geld bezahlt machen. Die Wertvorstellungen von Lebensqualität müssten sich verändern und das Miteinander Vieler verlangt den Abschied von der erlernten Mentalität des privaten Konkurrenzverhaltens.

Zyklische Globalisierung

Auf Corax gab es eine Buchbesprechung zu „Forces of Labor“ von Beverly J. Silver. Globalisierung und Protestbewegungen wurden in einem Zeitrahmen von 130 Jahren betrachtet. Die Grundthesen waren die folgenden:

  • Globalisierung gibt es schon immer und sie verläuft zyklisch.
  • Die Aktivität von Arbeiterprotesten schwankt in ihrer örtlichen Intensität. Mal brodelt es in Europa, mal in Südamerika.
  • Das Kapital zieht sich in bestimmten Gebieten immer mal aus der Produktion zurück.

Also alles in Butter, alles im Fluss, völlig normal wenn auf einer Ecke der Welt der Kampf gegen das Kapital mal für ein paar Jahrzehnte etwas kläglich ausfällt. Bei der heutigen Lebenserwartung kommen ja vielleicht noch bessere Zeiten.