Fast alles ist gut

Kirsten Fuchs schwelg im Magazin in der Gutheit des Menschen:

Wir sind soooo viel besser, als wir es über uns glauben. Wieso denken wir so schlecht von uns?

[…] Wir sind die, die sich an die Straßenverkehrsregeln halten und an die Gesetze. Wir sind die, die ohne Androhung von Strafen und ohne Aussicht auf Belohnung einfach nur so auf der Rolltreppe meistens rechts stehen, um links Menschen vorbeizulassen, die es eiliger haben.

Wie viele Leute brüllen sich am Tag im Straßenverkehr an und töten sich nicht? Hauen sich nicht mal, wie angekündigt, aufs Maul? Wie viele Frauen wischen auf öffentlichen Toiletten die Klobrille ab, nachdem sie im Stehen uriniert haben? Für die nächste Frau, falls die sich hinsetzen will. Einfach so. Die Kindergartenkinder üben mit Besteck zu essen, die Schulkinder kippeln und lernen, sich zu melden, wenn sie eine Frage haben.

Und wir reden immer nur über die Idioten, regen uns auf über Leute, die sich aufregen. Wir ziehen uns ständig die Idioten rein, als wären wir idiotenabhängig oder so.

Kirsten Fuchs – Die beste Medizin der Welt in Das Magazin Januar 2019

Es gab mal 2012 so einen extremen Stromausfall in Indien und die Leute sind eben nicht übereinander hergefallen. Hatte ich mal gelesen. Ich habe es nicht geschafft nochmal die Quelle wiederzufinden. Kein Problem, Berichte über Plünderungen nach dem Hurrikan Katrina 2005 zu finden.

Passt alles gut zum Saalehochwasser 2013.

Nature vs. Nurture

Passt alles zusammen. Dieser Teil aus Zeitgeist3 erscheint mir schlüssig. Die menschliche Natur besteht darin, bestimmte Bedürfnisse zu haben. Menschen, die vor ihrer Geburt oder in frühester Kindheit erlebt/gelernt haben, dass das Leben ziemlich hart ist, tendieren eher zu destruktiven Bedürfnisbefriedigungsstrategien (Abhängigkeit bzw. Gewalttätigkeit), als solche Menschen, die ihr Leben in Geborgenheit beginnen.
Vielleicht sind die ganzen Meditationstechniken und spirituellen Praxen Wege/Versuche die Dämonen der frühen Kindheit zu besänftigen.

Wie die Pressefreiheit nach Mitteldeutschland kam

Vielen Dank an die Städtische Zeitung, die in einem Kommentar nochmal daran erinnert, wie die Mitteldeutsche Zeitung entstand:

„Ich erinnere da nur mal an den Bahnhofsvorplatz. Den wollte die MZ unbedingt und so schnell als möglich nach dem Mann benennen lassen, der vor einem Vierteljahrhundert dafür gesorgt hatte, dass die Zeitung, die damals noch Freiheit hieß, in die Hände des Verlegers seines Vertrauens gelegt wurde. Dafür musste man sich ja irgendwann mal revanchieren. Wochenlang gab es fast täglich einen Artikel zum Thema.“

Im Spiegel von 1991 liest sich der Vorgang so:

Um die gleiche Zeit ließ Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, wie sich jetzt beweisen läßt, einen DDR-Pressebetrieb in seiner Heimatstadt Halle einem ihm politisch genehmen West-Verleger zuschieben.
Kohl und Genscher konnten der Versuchung nicht widerstehen, die ihnen zugefallene Verfügungsgewalt über die neue Staatsholding der ehemaligen DDR-Wirtschaft für ihre parteipolitischen Zwecke zu mißbrauchen. Früher von der SED gleichgeschaltete Zeitungen bugsierten sie von Staats wegen in eine neue Gefügigkeit, die sich schon daraus ergibt, daß sie für die neuen Eigentümer ihre guten Beziehungen spielen ließen.

Was mir beim Lesen dieses über 20 Jahre alten Artikels auffällt: Die hilflose Empörung der demokratischen Leitpresse darüber, dass das mit der Demokratie nicht so funktioniert wie im Lehrbuch für Sozialkunde. Genauso wie heute etwa der Dieselskandal.

Stiefkind Autofahrer

Im Novemberamtsblatt von Halle bringt es die CDU-FDP-Fraktion auf  Seite 4 auf den Punkt:

In einer Großstadt wie Halle stehen verschiedene Möglichkeiten zur Fortbewegung zur Verfügung. Man kann seine Wege zu Fuß oder per Fahrrad erledigen, die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen oder aber das Auto nutzen. Ganz nach Belieben. Oder doch nicht? Während nämlich die drei Erstgenannten Verkehrsmittel, die des sogenannten Umweltverbundes, in unserer Stadt Priorität genießen, wird der motorisierte Individualverkehr – sprich die Autofahrer – eher stiefmütterlich behandelt.

Während Fußgänger und Radfahrer sich ungehindert im öffentlichen Raum bewegen dürfen, ist diese Freiheit Autofahrern weitgehend verwehrt. Man sehe sich dazu nur einmal den Flächennutzungsplan von Halle an. Die Flächen auf denen sich Autofahrer bewegen dürfen, verschwinden geradezu im Vergleich zu den riesigen Feld-, Wald- und Wohnflächen. Und das obwohl immer mehr Fahrzeuge über Allradantrieb verfügen. Auf den winzigen ihnen noch verbliebenen Flächen sehen sie sich von einer Flut von Regeln und Vorschriften gegängelt: Vorgeschriebene Fahrtrichtungen, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Ampeln, Parkverbote, … Während immer mehr Einbahnstraßen für Radfahrer in beiden Richtungen geöffnet werden, breiten sich die Tempo-30-Zonen immer weiter aus. Radfahrer dürfen ihre Fahrzeuge nahezu überall abstellen. Nur einige mutige Eigentümer greifen durch Verbotsschilder ein, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Warum sind die schönsten Plätze und Straßen Fußgängern und Radfahrern vorbehalten – Autofahrer hingegen werden auf hässliche Umgehungsstraßen ausgelagert. Wollen auch sie mal das Zentrum von Halle erleben, müssen sie ihre Fahrzeuge kostenpflichtig in unterirdischen Bunkern verstecken. Für Radfahrer ist es selbstverständlich, etwa die Ausrüstung für eine Grillparty oder Sportgeräte in die grünen Parks von Halle zu transportieren. Darf ein Autofahrer mit seinem Fahrzeug seinen Grill auf eine städtische Wiese bringen – Fehlanzeige. Es bleibt dabei:

Der motorisierte Individualverkehr (MIV) bleibt weiterhin das Stiefkind hallescher Verkehrspolitik.

Dieter Duhm & ClintonTrump

Dieter Duhm analysiert sehr schön schlüssig die Pest- & Choleraalternativen der amerikanischen Präsidentschaftswahl:

Beide haben der bestehenden Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten. Die eine vertrat das Establishment, der andere vertrat die wütende Volksseele gegen das Establishment. Die Wut hat gewonnen. Beide aber vertraten genau dasselbe System, nur von verschiedenen Seiten.

Aber dann denkt er weiter:

Das Leben auf der Erde braucht eine andere Lebensordnung mit einem anderen Bild von Führung und Einheit.

Und mir fällt der Slogan der alten Grünen ein: „Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur!“

Er hat ein Bild davon, wie es sein müsste, was passieren muss:

Da müssen wir hinkommen, denn sonst geben wir uns mit Ersatzlösungen zufrieden, die regelmäßig zur Katastrophe führen. Wir Menschen haben eine lange Zeit mit diesen Ersatzlösungen gearbeitet, haben ideologische, politische, religiöse, moralische Systeme entworfen, welche uns ein erfülltes Leben sichern sollten – und stehen jetzt am kollektiven Abgrund. Das Zeitalter der Ersatzlösungen ist vorbei. Der Faschismus war eine Ersatzlösung, der Kapitalismus war eine Ersatzlösung, die Gedanken von Macht und Gefolgschaft, von Autokratie oder Demokratie waren eine Ersatzlösung, die katholische Kirche war eine Ersatzlösung, die mystischen Wege bis zum Nirwana waren eine Ersatzlösung. Das auserwählte Volk, alle kleinen oder großen Imperien, alle Götter waren eine Ersatzlösung – und es war auch eine Ersatzlösung, als wir anfingen, auf alle Götter zu verzichten und einen materialistischen Nihilismus zu lehren. Wir brauchen heute eine andere Lösung auf einer anderen menschlichen, zwischenmenschlichen, ethischen und spirituellen Grundlage. Wir brauchen die Lösung auf der Ebene der Wahrheit zwischen realen Menschen …

Nur blöd, dass alle Ersatzlösungen, die Duhm aufzählt nicht für Ersatzlösungen gehalten wurden, sondern jeweils für der Weisheit letzten Schluss. All die Ersatzlöser wussten genau, wie es sein soll und bezogen sich auf ihren aktuellen Erkenntnisstand.

Ich kann an Duhms Text nicht erkennen, dass er erkenntnistheoretisch kategorial anders da steht wie irgendein Weltrettungsplaner vor ihm. Wenn ich will, dass die Menschen auf eine bestimmte Art miteinander umgehen, dann kann/muss ich mich dafür einsetzen. Aber ich sehe keine Chance für ein von mir unabhängiges Sollen auf das ich mich stützen kann.

Manfred Lütz – Bluff!

Man gab mir Bluff! zu lesen. Ich habe mich beim Lesen ein wenig gelangweilt. Dieter Wunderlich hat den Inhalt zusammengefasst.

Ein bunter Reigen kollernder Kritik an allerlei Gebäuden von Wirklichkeiten zweiter Ordnung, wie Watzlawick sie nennen würde. Was mich dann geärgert hat, war die besondere Rolle, die Lütz dann dem Glauben an Gott einräumte. Er schwingt auf 130 Seiten die konstruktivistische Keule, um dann im Finale bei Gott eine Ausnahme zu machen.

Da bleibe ich doch lieber bei Sprüchen aus Watzlawicks „Die erfundene Wirklichkeit„:

Die Einsicht, dass wir nichts wissen, solange wir wissen, dass wir nichts endgültig wissen, ist die Voraussetzung des Respekts für die von anderen Menschen erfundenen Wirklichkeiten.

oder

Der Konstruktivismus erschafft oder erklärt keine Wirklichkeit da draussen, sondern enthüllt, dass es kein Innen und Außen gibt, keine Welt der dem Subjekt gegenüberstehenden Objekte. Er zeigt, dass die Subjekt-Objekt-Trennung, auf deren Annahmen sich die vielen Wirklichkeiten aufbauen, nicht besteht; dass die Spaltung der Welt in Gegensatzpaare vom erlebenden Subjekt konstruiert wird; und dass die Paradoxien den Ausweg zur Autonomie öffnen.

MEGEDA

megeda

Das wäre mal ’ne Bewegung. Sich abends auf den Marktplatz setzen, was zum Essen mitbringen. Miteinander reden. Auf Agenda2010 pfeifen. Auf die Ungleichverteilung pfeifen. Auf den Stress auf Arbeit pfeifen, die Langeweile vor dem Fernseher, die Ohnmacht, die Angst. Dem Menschen, der da neben mir sitzt zuhören und von mir erzählen.