Archiv der Kategorie: Allgemein

Wie die Pressefreiheit nach Mitteldeutschland kam

Vielen Dank an die Städtische Zeitung, die in einem Kommentar nochmal daran erinnert, wie die Mitteldeutsche Zeitung entstand:

„Ich erinnere da nur mal an den Bahnhofsvorplatz. Den wollte die MZ unbedingt und so schnell als möglich nach dem Mann benennen lassen, der vor einem Vierteljahrhundert dafür gesorgt hatte, dass die Zeitung, die damals noch Freiheit hieß, in die Hände des Verlegers seines Vertrauens gelegt wurde. Dafür musste man sich ja irgendwann mal revanchieren. Wochenlang gab es fast täglich einen Artikel zum Thema.“

Im Spiegel von 1991 liest sich der Vorgang so:

Um die gleiche Zeit ließ Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher, wie sich jetzt beweisen läßt, einen DDR-Pressebetrieb in seiner Heimatstadt Halle einem ihm politisch genehmen West-Verleger zuschieben.
Kohl und Genscher konnten der Versuchung nicht widerstehen, die ihnen zugefallene Verfügungsgewalt über die neue Staatsholding der ehemaligen DDR-Wirtschaft für ihre parteipolitischen Zwecke zu mißbrauchen. Früher von der SED gleichgeschaltete Zeitungen bugsierten sie von Staats wegen in eine neue Gefügigkeit, die sich schon daraus ergibt, daß sie für die neuen Eigentümer ihre guten Beziehungen spielen ließen.

Was mir beim Lesen dieses über 20 Jahre alten Artikels auffällt: Die hilflose Empörung der demokratischen Leitpresse darüber, dass das mit der Demokratie nicht so funktioniert wie im Lehrbuch für Sozialkunde. Genauso wie heute etwa der Dieselskandal.

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Stiefkind Autofahrer

Im Novemberamtsblatt von Halle bringt es die CDU-FDP-Fraktion auf  Seite 4 auf den Punkt:

In einer Großstadt wie Halle stehen verschiedene Möglichkeiten zur Fortbewegung zur Verfügung. Man kann seine Wege zu Fuß oder per Fahrrad erledigen, die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen oder aber das Auto nutzen. Ganz nach Belieben. Oder doch nicht? Während nämlich die drei Erstgenannten Verkehrsmittel, die des sogenannten Umweltverbundes, in unserer Stadt Priorität genießen, wird der motorisierte Individualverkehr – sprich die Autofahrer – eher stiefmütterlich behandelt.

Während Fußgänger und Radfahrer sich ungehindert im öffentlichen Raum bewegen dürfen, ist diese Freiheit Autofahrern weitgehend verwehrt. Man sehe sich dazu nur einmal den Flächennutzungsplan von Halle an. Die Flächen auf denen sich Autofahrer bewegen dürfen, verschwinden geradezu im Vergleich zu den riesigen Feld-, Wald- und Wohnflächen. Und das obwohl immer mehr Fahrzeuge über Allradantrieb verfügen. Auf den winzigen ihnen noch verbliebenen Flächen sehen sie sich von einer Flut von Regeln und Vorschriften gegängelt: Vorgeschriebene Fahrtrichtungen, Geschwindigkeitsbeschränkungen, Ampeln, Parkverbote, … Während immer mehr Einbahnstraßen für Radfahrer in beiden Richtungen geöffnet werden, breiten sich die Tempo-30-Zonen immer weiter aus. Radfahrer dürfen ihre Fahrzeuge nahezu überall abstellen. Nur einige mutige Eigentümer greifen durch Verbotsschilder ein, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten. Warum sind die schönsten Plätze und Straßen Fußgängern und Radfahrern vorbehalten – Autofahrer hingegen werden auf hässliche Umgehungsstraßen ausgelagert. Wollen auch sie mal das Zentrum von Halle erleben, müssen sie ihre Fahrzeuge kostenpflichtig in unterirdischen Bunkern verstecken. Für Radfahrer ist es selbstverständlich, etwa die Ausrüstung für eine Grillparty oder Sportgeräte in die grünen Parks von Halle zu transportieren. Darf ein Autofahrer mit seinem Fahrzeug seinen Grill auf eine städtische Wiese bringen – Fehlanzeige. Es bleibt dabei:

Der motorisierte Individualverkehr (MIV) bleibt weiterhin das Stiefkind hallescher Verkehrspolitik.

Dieter Duhm & ClintonTrump

Dieter Duhm analysiert sehr schön schlüssig die Pest- & Choleraalternativen der amerikanischen Präsidentschaftswahl:

Beide haben der bestehenden Gesellschaft einen Spiegel vorgehalten. Die eine vertrat das Establishment, der andere vertrat die wütende Volksseele gegen das Establishment. Die Wut hat gewonnen. Beide aber vertraten genau dasselbe System, nur von verschiedenen Seiten.

Aber dann denkt er weiter:

Das Leben auf der Erde braucht eine andere Lebensordnung mit einem anderen Bild von Führung und Einheit.

Und mir fällt der Slogan der alten Grünen ein: „Die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur!“

Er hat ein Bild davon, wie es sein müsste, was passieren muss:

Da müssen wir hinkommen, denn sonst geben wir uns mit Ersatzlösungen zufrieden, die regelmäßig zur Katastrophe führen. Wir Menschen haben eine lange Zeit mit diesen Ersatzlösungen gearbeitet, haben ideologische, politische, religiöse, moralische Systeme entworfen, welche uns ein erfülltes Leben sichern sollten – und stehen jetzt am kollektiven Abgrund. Das Zeitalter der Ersatzlösungen ist vorbei. Der Faschismus war eine Ersatzlösung, der Kapitalismus war eine Ersatzlösung, die Gedanken von Macht und Gefolgschaft, von Autokratie oder Demokratie waren eine Ersatzlösung, die katholische Kirche war eine Ersatzlösung, die mystischen Wege bis zum Nirwana waren eine Ersatzlösung. Das auserwählte Volk, alle kleinen oder großen Imperien, alle Götter waren eine Ersatzlösung – und es war auch eine Ersatzlösung, als wir anfingen, auf alle Götter zu verzichten und einen materialistischen Nihilismus zu lehren. Wir brauchen heute eine andere Lösung auf einer anderen menschlichen, zwischenmenschlichen, ethischen und spirituellen Grundlage. Wir brauchen die Lösung auf der Ebene der Wahrheit zwischen realen Menschen …

Nur blöd, dass alle Ersatzlösungen, die Duhm aufzählt nicht für Ersatzlösungen gehalten wurden, sondern jeweils für der Weisheit letzten Schluss. All die Ersatzlöser wussten genau, wie es sein soll und bezogen sich auf ihren aktuellen Erkenntnisstand.

Ich kann an Duhms Text nicht erkennen, dass er erkenntnistheoretisch kategorial anders da steht wie irgendein Weltrettungsplaner vor ihm. Wenn ich will, dass die Menschen auf eine bestimmte Art miteinander umgehen, dann kann/muss ich mich dafür einsetzen. Aber ich sehe keine Chance für ein von mir unabhängiges Sollen auf das ich mich stützen kann.

Manfred Lütz – Bluff!

Man gab mir Bluff! zu lesen. Ich habe mich beim Lesen ein wenig gelangweilt. Dieter Wunderlich hat den Inhalt zusammengefasst.

Ein bunter Reigen kollernder Kritik an allerlei Gebäuden von Wirklichkeiten zweiter Ordnung, wie Watzlawick sie nennen würde. Was mich dann geärgert hat, war die besondere Rolle, die Lütz dann dem Glauben an Gott einräumte. Er schwingt auf 130 Seiten die konstruktivistische Keule, um dann im Finale bei Gott eine Ausnahme zu machen.

Da bleibe ich doch lieber bei Sprüchen aus Watzlawicks „Die erfundene Wirklichkeit„:

Die Einsicht, dass wir nichts wissen, solange wir wissen, dass wir nichts endgültig wissen, ist die Voraussetzung des Respekts für die von anderen Menschen erfundenen Wirklichkeiten.

oder

Der Konstruktivismus erschafft oder erklärt keine Wirklichkeit da draussen, sondern enthüllt, dass es kein Innen und Außen gibt, keine Welt der dem Subjekt gegenüberstehenden Objekte. Er zeigt, dass die Subjekt-Objekt-Trennung, auf deren Annahmen sich die vielen Wirklichkeiten aufbauen, nicht besteht; dass die Spaltung der Welt in Gegensatzpaare vom erlebenden Subjekt konstruiert wird; und dass die Paradoxien den Ausweg zur Autonomie öffnen.

MEGEDA

megeda

Das wäre mal ’ne Bewegung. Sich abends auf den Marktplatz setzen, was zum Essen mitbringen. Miteinander reden. Auf Agenda2010 pfeifen. Auf die Ungleichverteilung pfeifen. Auf den Stress auf Arbeit pfeifen, die Langeweile vor dem Fernseher, die Ohnmacht, die Angst. Dem Menschen, der da neben mir sitzt zuhören und von mir erzählen.

2 x Theodor Geiger

2009 bezieht sich das FAZ-Feuilleton auf Theodor Geiger:

Als der Soziologe Theodor Geiger 1932 in seinem Porträt der deutschen Gesellschaft das Lebensgefühl der Krisenzeit in die Formel „Panik im Mittelstand“ zusammenfasste, hat er die Wetterwolken einer Verheißungserwartung, die längst aufgezogen waren, scharfsinnig gedeutet. Von vergleichbaren Stimmungslagen ist heute nirgends etwas zu sehen, die bedrohten „kleinen Materialismen“ (Geiger) der Schichten und Milieus vereinen sich nicht zu populistischer Sündenbocksuche, und die Eliten halten, wenn auch murrend, den Versuchungen des Rette-sich-wer-kann stand. Keine Panik wäre demnach die alles in allem beruhigende Diagnose: Lakonie ist die Weisheit der Stunde.

6 Jahre später gibt es Pegida und der Soziologe Heinz Bude schreibt in der ZEIT:

… Interessant ist vor allem die dritte Gruppe, immerhin 13 Prozent der deutschen Bevölkerung: Diese Menschen empfinden sich als weltoffen, sind meist gut gebildet und besetzen sichere Positionen, haben aber das Gefühl, unter ihren Möglichkeiten geblieben zu sein. Man trifft sie überdurchschnittlich häufig in Ostdeutschland. Und das sind die Pegida-Leute.
ZEIT: Wie fühlen sich diese Menschen?
Bude: Die haben einen latenten Hass im Hals. Sie denken: Eigentlich habe ich nie richtig zeigen können, was in mir steckt — aufgrund von Bedingungen, die ich nicht kontrollieren konnte. Und wenn die hören, dass wir auf qualifizierte Einwanderer angewiesen sind, dass wir eine Willkommenskultur entwickeln müssen, dann finden die: Jetzt muss aber mal Schluss sein. Ich hab doch auch nichts geschenkt gekriegt! Diese Menschen leiden unter einem fast existenziellen Neid.
ZEIT: Geht es auch bei Pegida um Angst?
Bude: Eher um Verbitterung. Sie leiden unter der »Angst vor Mindereinschätzung«, wie das der Soziologe Theodor Geiger schon 1930 in seinem legendären Aufsatz Panik im Mittelstand genannt hat. Es geht diesen Leuten nicht schlecht, die haben zum Teil Weltreisen gemacht, aber eben auch Degradierungen durch Umsetzungen im Betrieb oder eine Pleite in der Selbstständigkeit erlebt. Sie fühlen sich nicht wertgeschätzt in dem, was sie leisten können. Das ist die andere Seite der ungeheuren Stärke des deutschen Produktionsregimes. Es produziert auch ein Milieu von Abgeschlagenen und Zurückgesetzten.
Quelle: DIE ZEIT, 22. Januar 2015

Und was bedeutet es, wenn die Ängste dieser Leute jetzt ernst genommen werden. Eine gerechte, solidarische Gesellschaft und die ganzen anderen gutmenschlichen Utopien? Das ist ganz schön aufwendig. Da ist eine Endlösung für die Migranten echt einfacher hinzukriegen.

Entwarnung

David L. Katz, so ein Mainstreamwissenschaftler wettert im Mainstreamzeitmagazin herrlich entspannt gegen Ernährungsextremismus a lá McDonalds oder Vegan for fun. Es lebe Mesotes und die spießige Mitte:

Esst Gemüse, esst Obst, esst Vollkornprodukte, esst keine Fertigessen, und übertreibt’s nicht mit Zucker, Fleisch und Milchprodukten. Das war’s. So einfach ist es. Und morgen wird es immer noch wahr sein! Und nächste Woche auch. Würden wir uns auf diese einfache Erkenntnis einigen, müssten die Verlage sagen: Wir veröffentlichen von jetzt an kein einziges Buch mehr zum Thema Ernährung, nie wieder, denn ihr wisst schon alles. Wir haben euch schon alles gesagt. Wir sind durch. Lest das Buch, das wir letztes Jahr rausgebracht haben, da steht schon alles drin. So etwas will natürlich kein Verlag. Die Medien haben an einfachen Ratschlägen kein Interesse. Die Anbieter von Abnehmprogrammen haben an einfachen Ratschlägen kein Interesse. Es verdienen viele Leute Geld damit, dass wir verwirrt sind. Dann gibt es noch ein anderes Problem, und das sind wir selbst. Ganz ehrlich: Wir sind Idioten. Ich wäre gern diplomatischer, aber wir sind wirklich Vollidioten. Fragen Sie sich selbst: Glauben Sie wirklich, Magie kann Ihnen helfen, schlank und gesund zu werden? Jeder weiß, dass es nicht stimmt. Dieselben vernünftigen Erwachsenen, die niemals auf einen Hütchenspieler hereinfallen würden, glauben daran, dass es einen einfachen Trick gibt, schlank und gesund zu werden. Sie glauben es natürlich nicht wirklich. Aber sie wollen es gern glauben. Wir müssen erwachsen werden. Wir müssen aufhören zu glauben, dass das, was wir für wahr halten wollen, auch wahr ist. Jeder Erwachsene weiß: Zu erreichen, was sich lohnt, dauert eine Weile und ist ein bisschen anstrengend. Ich habe also die großen Buchverlage zum Gegner, die Lebensmittelindustrie, die Zeitschriftenverlage und ein Volk von Trotteln. Deshalb: Ja, manchmal denke ich daran, aufzugeben. Aber wenn ich aufgebe, dann haben die anderen gewonnen, und das will ich auch nicht.