Schicksal 2.0

Früher hat uns Gott geleitet. Dämonen, Engel oder Teufel hatten ihre Hand im Spiel. Karma, Schicksal, Vorsehung,…

Heute ist das anders. Da ist es die schwere Kindheit oder die zu behütete. Die armen oder reichen Eltern. Die zu vielen oder zu wenigen Geschwister. Die Gene. Die Wende. Die transgenerationalen Traumata…

Oder wie es Enzensberger 1993 formulierte:

Die neuen Vormünder nehmen in ihrer grenzenlosen Gutmütigkeit den Verirrten jede Verantwortung für ihr Handeln ab. Schuld ist nie der Täter, immer die Umgebung: das Elternhaus, die Gesellschaft, der Konsum, die Medien, die schlechten Vorbilder. Jedem Totschläger wird gewissermaßen ein Multiple-Choice-Fragebogen ausgehändigt, den er, zu seinem eigenen Besten, auszufüllen hat: Mama wollte mich nicht; ich hatte allzu autoritäre / allzu antiautoritäre Lehrer; Papa kam besoffen / nie nach Hause; die Bank hat mir zu viel Kredit gegeben / mein Konto gesperrt; ich wurde als Kind / Schüler / Lehrling / Angestellter verwöhnt / zurückgesetzt; meine Eltern haben sich zu früh / zu spät scheiden lassen; es gab in meiner Umgebung keine ausreichenden / zu viele Freizeitangebote. Deswegen ist mir nichts anderes übrig geblieben, als eine Brandstiftung / einen Raub / ein Attentat / einen Mord zu begehen (Zutreffendes bitte ankreuzen).
Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Frankfurt Main, 1993, S.37

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