Wahrheit

Der Philosoph Gustav Heckmann, Mitte/Ende 20. Jh. aktiv, der mit dem Sokratischen Gespräch, sagte über die Wahrheit:

Heute sprechen wir nicht mehr so unbefangen von Wahrheit wie früher. Das Streben nach Wahrheit und der Anspruch, die Wahrheit in einer bestimmten Frage erkannt zu haben, werden vielfach als Vermessenheit empfunden. Vom Sokratischen Standpunkt aus möchte ich dazu folgendes sagen:
Wenn wir im Sokratischen Gespräch Konsensus über eine Aussage erreicht haben, dann hat dieser den Charakter des Vorläufigen: Bis auf weiteres bestehen keine Zweifel mehr an der erarbeiteten Aussage. Jedoch kann uns ein bisher nicht erwogener Gesichtspunkt in den Blick kommen, der neue Zweifel hervorruft. Dann muss die bisher nicht mehr angezweifelte Aussage von neuem geprüft werden. Niemals aber wird eine Aussage erreicht, die neuer Revisionsbedürftigkeit grundsätzlich entzogen wäre.

Für jeden Naturwissenschaftler heute eine Selbstverständlichkeit. Es ordnet sich ein in die Abfuhr, die Philosophie bzw. Mathematik mit Russell, Wittgenstein oder Gödel der Hoffnung auf Abschluss des Projektes „Finde die Weltformel!“ erteilt haben. Aber es wird auch klar, dass dies eine relativ neue Sichtweise ist, eine Sichtweise, die noch nicht zum Allgemeingut geworden ist, die noch nicht in der Schule vermittelt wird.

Wahrscheinlich stecken Fundamentalisten, die ein bestimmtes Buch, eine bestimmte Lehre als letzte Wahrheit nehmen in einer älteren „unbefangeneren“ Wahrheitsauffassung fest. Sollten diese Menschen gut damit klar kommen, Andersdenkende zu köpfen, in den Gulag zu stecken, auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen oder diesen Andersdenkenden einfach nur mangelndes Bewusstsein vorzuwerfen, dann haben diese Menschen immer eine klare Richtschnur, wo es lang geht.

Marx und Engels haben ihre Kritik des Kapitalismus und den Kommunismus als Lösungsvorschlag im 19. Jahrhundert entwickelt, dem „Jahrhundert der Systeme“, wie es Alexander Aichele mal formuliert hat. Vielleicht ist das die Tragödie des Kommunismus des 20. Jahrhunderts: Mit einem engstirnig-fundamentalistischen Masterplan dem Kapitalismus, diesem Virtuosen der Anpassungsfähigkeit, die Stirn zu bieten. Der Kommunismus, erstickt an einem „unbefangenem“ Wahrheitsbegriff, der keine Entwicklung zuließ und die eigenen Leute gefressen hat.

Ring frei zur nächsten Runde.

Passt gut zu Willigis Jägers Auffassung von Fundamentalismus.

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